Traumgeschichte

Januar 14, 2008 von giebelbaerchen

Als ich klein war, habe ich meine Träume für mich behalten. „Wenn es wahr werden soll, darf ich niemandem davon erzählen“, dachte ich. Ich glaubte fest an die Sterblichkeit von Träumen. Ohne genau zu wissen, was meine Träume töten würde, war ich mir sicher, dass keiner die Welt da draußen überleben würde. Denn erstens würde diese Welt meinen just geäußerten Traum beurteilen, ihn mit Prüfaugen auseinander nehmen. Würde ihn für realistisch oder unrealistisch befinden. Sie würde ihn auslachen, ihn hinterfragen. Ich fürchtete, mein Traum könnte auf dem Seziertisch durchsichtig werden, sich im grellen Licht auflösen und mich allein und lächerlich zurücklassen. Zweitens fürchtete ich mehr als alles andere, daß selbst wenn die Welt ihn nicht weiter beachten würde – und das war in meinem Leben eigentlich immer sehr wahrscheinlich – er mir gestohlen würde. Ich fürchtete mich davor, jemandem, der für das Erreichen meines Traumes talentierter und geeigneter war, meinen Traum zu erzählen, denn der würde meinen Traum einfach einstecken und selbst damit losziehen.

Das hätte ich wohl nicht fürchten müssen, es geschah auch ohne mein Zutun jeden Tag. Wollte ich Schriftsteller werden und mit 14 Jahren mein erstes Buch herausbringen, las ich bald darauf von jemandem, dem eben dies bereits gelungen war. Wollte ich als Held bei irgendeiner Katastrophe – mir hätte ein Autounfall mit Lackschaden schon gereicht – auftreten, las ich bald darauf von einer Zwölfjährigen, die bei dem ICE- Unglück in Enschede selber verletzt worden war und trotzdem noch erste Hilfe geleistet hatte. Dafür bekam sie dann – glaube ich – auch noch das Bundeverdienstkreuz. Diese Erfahrungen lehrten mich nicht etwa, dass es keinen Unterschied macht, ob man Träume nun erzählt oder nicht. Ich glaubte im Gegenteil meine wirklich wichtigen Träume noch besser schützen und verschweigen zu müssen, damit sie überhaupt eine Chance hatten gegen die Welt.

Irgendwann bemerkte ich in meiner Umgebung, dass diejenigen, die ihre Träume erzählten, diesen seltsamerweise näher waren als ich meinen gut behüteten Schätzen. Außerdem bemerkte ich, dass Menschen mir Vertrauen entgegenbrachten. Nicht nur, indem sie mir ihre Träume erzählten, in meinen Augen ein überaus großzügiger, fast schon leichtsinniger Umgang mit unschätzbaren Kostbarkeiten, sie machten mir meine Träume auch nicht kaputt. Sie nickten nur mit den Köpfen wie zu den größten und klügsten Selbstverständlichkeiten der Welt.

So lernte ich, dass die Welt der Gedanken kein Schutzraum für Träume ist, sondern ihr Gefängnis. Wenn ich einen Traum verwirklichen wollte, musste ich darüber reden. Meine Worte stellten den Traum auf die Beine, in den Raum. Er konnte sich nicht mehr verstecken, aber er durfte auch nicht so nackend nur als Traumgespinst stehen bleiben. Wenn er seinen Schöpfer nicht lächerlich machen sollte, musste es für die Welt einen Grund geben, den Traum, der zunächst nur Gespinst war, zu glauben. Also musste ich ans Werk. Ich musste denTraum beginnen. Selbst wenn meine Träume einmal nicht in Erfüllung gehen, wird am Ende der Abstand zwischen mir und ihnen kleiner geworden sein.

Beckstein und die Sicherheit

Januar 8, 2008 von giebelbaerchen

manchmal will man keine Zeitung mehr aufschlagen, keine Internetseite mehr aufrufen und keinen Fernseher einschalten. Als hätte man nicht genug eigene Probleme, liefert der Informationsapparat soviel Frustpotenzial, dass selbst dem größten Optimisten irgendwann die Decke auf den Kopf fällt. Ich bin kein großer Optimist, mir reicht es eigentlich jetzt schon. Zumindest, nachdem ich die letzten Absätze dieses Artikels gelesen habe:

Beckstein erinnert noch an seinen einstigen Konterpart, den früheren Bundesinnenminister Otto Schily: „Man merkt, Schily ist weg und die SPD wird zur alten Partei, die nichts mehr von Innerer Sicherheit versteht.“ Und schiebt gleich noch eine neue Forderung hinterher: Online-Durchsuchungen müssten schnell eingeführt und auch im Kampf gegen Kinderpornographie eingesetzt werden. Parallel fordern die CSU-Abgeordneten die Einführung dieses Instruments nicht nur für das Bundeskriminalamt, sondern auch für den Verfassungsschutz.

In dem Artikel geht es eigentlich um den Versuch der CSU, Roland Koch das Thema innere Sicherheit wieder abzujagen. (Was ja an sich schon putzig ist.) Der oben zitierte Absatz zeigt nur ein Randthema, mit dem Kurt Beckstein versucht, dem Sicherheitsprofil seiner Partei mehr Konturen zu verleihen.

Frustrierend daran ist, dass er schon wieder nach weiteren Kompetenzen für Polizei und Verfassungsschutz schreit. Da sind die umstrittenen Online-Durchsuchungen noch nicht einmal beschlossen und schon soll die Polizei sie nicht nur zu Fahndung nach Terroristen, sondern auch nach Konsumenten von Kinderpornos einsetzen dürfen. Und weil man schon einmal dabei ist, fordern CSU Abgeordnete auch gleich noch gleiche Kompetenzen für den Verfassungsschutz. Was der jetzt genau mit Online-Durchsuchungen soll, sagen sie zwar nicht, aber da wird sich sicherlich eine Verwendung finden.

Es ist der altbekannte gierige Griff nach der ganzen Hand. Wenn es nach Beckstein und Kollegen geht, hört das nie auf. Ich nenne es Kontrollgier, mit Sicherheit hat das nichts zu tun. Das sieht Herr Beckstein ganz anders. Denn für ihn muss Sicherheit ständig gesichert werden. Und weil in unserer heutigen Welt niemand mehr sicher ist und alle potenzielle Terroristen, Kinderpornographen, Raubkopierer, Linksaktivisten und Schwarzfahrer sind, werden wir nun alle gesichert. Damit wir auch ja nichts anstellen mit all den bürgerlichen Freiheiten, die durch die Sicherheitsmaßnahmen gesichert werden.

Ich frage mich manchmal wovor die eigentlich alle Angst haben, diese Sicherheitskontrollfreaks. Die gehören doch nicht zu denjenigen, die in U-Bahnen verprügelt werden. Die werden auch nicht mit Kofferbomben auf Bahnhöfen fast in die Luft gejagt, denn sie fahren BMW und nicht Interregio. Eigentlich sind das genau die Menschen, von denen man eigentlich sollte erwarten können, dass dieser Abstand des Nicht-Betroffen-Seins sie zu einer realistischen Einschätzung der Probleme unseres Landes führt. Aber anscheinend werden wir von hysterischen, gierigen Feiglingen regiert.

Schade.

Dies ist der Anfang

Dezember 31, 2007 von giebelbaerchen

Ist dies ein guter Zeitptunkt, um dies hier zu beginnen? Wenn es so etwas, wie einen guten Zeitpunkt für solche Dinge gibt, wenn nicht jeder Zeitpunkt so gut ist, wie jeder andere, dann ist dieses wohl ein guter Zeitpunkt. Ich wollte diesen Blog noch in diesem Jahr starten und das ist mir dann hiermit wohl auch gelungen.

Viel mehr als ein „hello world“ wird dieser Beitrag aber wohl nicht. Was soll man auch sagen an so einem Tag? Über das Vergangene sinnieren? Es wird auch morgen noch genauso vergangen sein, wie heute. Es gibt keinen guten Grund, darüber ausgerechnet jetzt zu schreiben. Es gibt keinen Grund, verpasste Chancen und die unzähligen Momente, in denen man einfach mal wieder links oder rechts vom Leben überholt wurde, Revue passieren zu lassen. Es gibt auch keinen Grund unter das Gute und das Schlechte einen Bilanzstrich zu ziehen und abzurechnen. Die Bilanz ist seit Jahren die Gleiche und verändert sich doch ständig, je nach dem ob wir einen guten oder einen schlechten Tag haben. Warum sollten wir uns also die Mühe machen?

Ich könnte, werden Sie jetzt einwenden, wenn ich schon nicht über die Vergangenheit spreche, wenigstens über die Zukunft schreiben. Doch auch hier muss ich Ihnen die – zugegeben rhetorische – Frage nach dem Sinn stellen: Was bringt es, wenn die guten Vorsätze doch nie halten, warum soll ausgerechnet ein Tag, den die meisten Menschen im Vollrausch beenden, besonders geeignet für einen Neuanfang sein? Wir wachen ja doch wieder in den gleichen Kissen, die nach uns riechen, wieder auf, wir haben doch den gleichen Kater wie nach jeder guten oder schlechten Feier, warum sollten wir ausgerechnet da neu anfangen? Warum nicht heute, warum erst ab morgen das letzte Mal an jemand denken? Warum ab morgen mutiger sein? Warum nicht jetzt? Die heutige Nacht ist eine Nacht wie jede andere. Der Mond ist aufgegangen, der große Wagen leuchtet ungerührt, in dieser Nacht sterben genauso Menschen, wie in der letzten, in dieser Nacht plätschert der Bach genauso wie in der letzten, es gibt keinen guten Grund ausgerechnet jetzt über die Zukunft zu schreiben, denn der Bach und der Mond und der große Wagen werden auch in der nächsten Nacht noch da sein. Es wird morgen genauso schwer sein, wie heute und in drei Tagen, ein anderer Mensch zu werden und die Menschen sind auch in hundert Jahren noch genauso unberechenbar und schlecht und dennoch liebenswürdig wie heute. Und wenn ich nicht über einen Neuanfang schreibe, was soll ich dann über die Zukunft sagen? Das sie so beliebig ist, wie die Vergangenheit? Das wäre hiermit gesagt.

Was bleibt mir heute also anderes, als zu behaupten, ich wäre jetzt hier und es dabei zu belassen? Hallo Welt!