Archiv für die Kategorie ‘Zeit’

Dunja

Juli 15, 2009

Mein Hund stirbt. Eigentlich keine Nachricht, nicht mal für mich. Hunde sterben, so ist das. Sie sterben schneller als Menschen und das ist nicht zu ändern. Trotzdem ist mir zum Heulen. Weil ich mit Dunja das erste Mal einen wirklich treuen Freund für immer verlieren werde. Weil ich weiß, dass sie nicht sterben will, ein Tier will nie sterben. Und weil ich es doch tun muss: sie einschläfern.

Dunja hat Leberkrebs. Zumindest ist das die beste Erklärung für ihre Blutwerte. Sie kann die Nächte nicht mehr durchschlafen, weil sie ständig raus muss. Meine Eltern treibt sie damit in den Wahnsinn. Aber sonst ist sie fröhlich und freundlich wie immer. Nur eben noch ein bisschen älter und schusseliger und müder als sonst.

Dunja ist steinalt. Viel älter als Boxer normalerweise werden. Und das mit einem Herzfehler und einem Skelett, mit dem es ihr eigentlich nicht mehr möglich sein sollte, sich zu bewegen. Wenn sie lange gelegen hat, tut sie sich schwer mit dem Aufstehen und wenn sie schläft, dann schläft sie so tief, dass sie nicht mal die Anlieferung der neuen Sofas mitbekommen hat.  Das Alter macht sich immer schneller bei ihr bermerkbar. Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, ist es schlimmer.  Selbst wenn sie keinen Krebs bekommen hätte: viel älter wäre sie wohl nicht geworden.

Trotzdem tut es weh. Es kommt mir wie Verrat vor, meinen Hund in den Armen zu halten und zu warten, dass die Spritze wirkt. Dunja wird mir vertrauen und ich werde den Tierarzt für die Spritze bezahlen. Ich wünschte, sie hätte einen schöneren Tod: einfach morgens nicht mehr aufwachen. Und ich weiß,das wird nicht mehr passieren.  Selbst wenn ich wollte, ich könnte es ihr nicht erklären. Das ist das Schlimmste.

à la recherche d’un objet perdu

März 9, 2008

Die letzte Woche habe ich damit zugebracht, meine Uhr zu suchen. Im Uhrensuchen habe ich Übung, leider kann ich nicht behaupten besonders gut darin zu sein, meine ersten beiden Uhren habe ich nie wieder gesehen. Nachdem ich die Vorgängerin meiner jetzigen Uhr verloren hatte, habe ich etwa zwei Jahre ohne Uhr gelebt und dabei nie das Gefühl gehabt, dass mir etwas fehlte. Ich hatte erstens ein Handy und lernte zweitens den Luxus, nur annährend wissen zu müssen wieviel Uhr es ist, kennen. Doch nun hatte ich wieder eine Uhr. Seit Weihnachten um genau zu sein und dieses Mal wollte ich alles daran legen, sie nicht wieder zu verlieren.

Dabei hätte ich es besser wissen müssen. In meiner Familie gibt es einfach zu viele Geschichten über verlorene Schmuckstücke und Wertgegenstände. Mein Bruder beispielsweise hat in seinem Leben bestimmt drei schweizer Offiziersmesser beim Räuberhöhlenbau im Park verloren. Besonders übel nahm ich ihm, dass jedes Mal, nachdem er eines verloren hatte, er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit ein besseres geschenkt bekam, so dass das letzte, an das ich mich erinnern kann nicht nur ein Messer, eine Säge, eine Schere und so weiter hatte, sondern ausserdem einen Zahnstocher aus Plastik und eine Pinzette, die man oben aus dem roten Rahmen des Messers ziehen konnte.

Oder meine Schwester, die von ihrer Tante eine goldene Brosche in Form eines Reiters geschenkt bekam. Eines Tages war die Brosche nicht mehr aufzufinden und alles Suchen dieser Welt brachte sie nicht wieder zum Vorschein. Meine Großmutter hatte auch so ein Talent. So warf sie beispielsweise einmal eine ganze Garnitur alter silberner Löffel aus dem Familienschatz mitsamt den leeren Yoghurtbechern in denen sie standen in den Müll.

Mit meiner Uhr war ich hingegen sehr sorgfältig gewesen. Es gab nur zwei Orte, an denen ich sie ablegte: neben dem Waschbecken und auf dem Schreibtisch. Ich hielt mich für sehr gewissenhaft in dieser Frage, aber plötzlich war sie nicht mehr da. Ich begann mein Zimmer zu durchsuchen. Unter dem Bett zog ich die Schublade heraus, ich hob die Matratze hoch, räumte mein Regal aus und fand schließlich als Trostpreis eine Sicherheitsnadel. Schließlich ging ich dazu über zu fragen, ob jemand meine Uhr gesehen habe. Die Putzfrau dachte, ich habe sie im Verdacht, die Uhr gestohlen zu haben und der Fensterputzer schaute hilflos. Gesehen hatte sie keiner. Nachdem ich noch einmal mein Zimmer durchsucht hatte, bereitete ich mich schließlich darauf vor, den Verlust von Uhr Nr. 3 öffentlich machen zu müssen.

Ich hätte es besser wissen müssen. Gestern habe ich sie gefunden. Sie war von meinem Schreibtisch in einen Schuh gefallen. Der Schuh war danach unter den Tisch geschoben und eine Woche lang nicht getragen worden. Er war ausserdem auf die Seite gekippt, so dass man nur bei einem bestimmten Lichteinfall, auf dem Bett sitzend, die Schließe des Armbands glänzen sah.

„Gut Ding will Weile haben“ dachte ich und zog die Uhr aus ihrem Versteck. Selbst im Verlieren scheint meine Familie nicht besonders gründlich zu sein. Die Brosche meiner Schwester fand ich eines Tages beim gedankenverlorenen Bohren in den Tiefen einer Sofaritze. Sie hatte dort mehrere Jahre gelegen. Bis ich die beiden anderen Uhren wiederfinde, werden sie stehen geblieben sein.

Pariser Sonntagsglück

Februar 5, 2008

Sonntagssonne. Auf der Nase. Auf dem Weg vor mir: ein Pärchen auf Inlineskates, ein Wettrennen. Wer gewinnt? Er, natürlich. Die Jungs mit dem Fußball. Ich erkenne C. am schwarzen Pullover, er hat den Arm gegen die Sonne erhoben und sieht mich nicht. Die Metro ist voller Ausflügler, Familien mit Kindern, schwarzhaarige Väter und ihre Söhne, ganze Liebespärchen und halbe auf dem Weg zur Vervollständigung irgendwo in dieser Stadt, vielleicht am Jardin du Luxembourg, vielleicht am Louvre, vielleicht am Brunnen von St. Michel.

Ich gehe zum Centre Pompidou, alleine. Die Sonne liebt diesen Platz, seine abschüssige Ebene ist Bühne und Tribüne zugleich. Auf der einen Seite üben sich drei Teenager im Tanzen. Ihr Ghettoblaster spuckt Techno. Auf der anderen Seite des Platzes durchbohrt ein Zauberer seinen Holzkasten mit rosa Schwertern und die Zuschauer halten Abstand. Der alte Trick mit dem Kasten und der Jungfrau (in diesem Falle ein Hund) funktioniert immer noch.

Das Erlebnis des Tages ist für mich die Fahrt auf der Rolltreppe in den vierten Stock des Museums. Wir gleiten außen an der Fassade entlang, in einer großen gläsernen Röhre. Die Konstrukteure des Centre waren gnädig, als sie diese Treppe bauten, denn sie schenkten den Kunstliebhabern und Touristen eine Entdeckung der besonderen Art. Ich notiere hastig:

Was man in Paris tun muss:

Mit der Rolltreppe mindestens in den vierten Stock des Centre Pompidou fahren. Unten auf dem Platz: der Zauberer; von oben hofft man, ein Stück seiner Magie zu durchschauen, aber man sieht nur, wie er immer kleiner wird. Die Tänzer zucken jetzt ohne Musik, schwingen die Arme und die Knie. Langsam hebt die Treppe mich auf die Höhe der Häuser am anderen Ende des Platzes. Und dann tauch sie auf: Schiebt sich langsam und massig über Schornsteine und Heizungsrohe, über Blechdächer, von Tauben besetzt: St. Eustache. Ihr massiger, kreuzförmiger Bau, der aus keiner Zeit zu stammen scheint, erhebt sich in stiller Majestät über alles Kurzlebige, das sie mühelos überschaut, all die Dinge, die entweder mit oder vor ihr untergehen werden. Sie weiß um ihre Größe und ihr entfernter Nachbar, in dessen glitzernden Glasrohren ich aufsteige um sie bewundern zu können, ist ihr keine Konkurrenz. Sie ist da und allein das stiehlt all dem Glas und all den Farben einfach die Schau.

Das Museum? voller Menschen, ein großes orangenes Nashorn aus glänzendem Kunststoff, erträgt es geduldig, Kindern ein erstes Kunsterlebnis zu sein. Ich flüchte mich auf die Rolltreppe und fahre bis in den sechsten Stock. Dass ich an einem Museum für moderne Kunst einmal besonders den Blick auf eine Kirche des 16. Jahrhunderts schätzen würde – für mich ein urbaner Glücksfall.

Dies ist der Anfang

Dezember 31, 2007

Ist dies ein guter Zeitptunkt, um dies hier zu beginnen? Wenn es so etwas, wie einen guten Zeitpunkt für solche Dinge gibt, wenn nicht jeder Zeitpunkt so gut ist, wie jeder andere, dann ist dieses wohl ein guter Zeitpunkt. Ich wollte diesen Blog noch in diesem Jahr starten und das ist mir dann hiermit wohl auch gelungen.

Viel mehr als ein „hello world“ wird dieser Beitrag aber wohl nicht. Was soll man auch sagen an so einem Tag? Über das Vergangene sinnieren? Es wird auch morgen noch genauso vergangen sein, wie heute. Es gibt keinen guten Grund, darüber ausgerechnet jetzt zu schreiben. Es gibt keinen Grund, verpasste Chancen und die unzähligen Momente, in denen man einfach mal wieder links oder rechts vom Leben überholt wurde, Revue passieren zu lassen. Es gibt auch keinen Grund unter das Gute und das Schlechte einen Bilanzstrich zu ziehen und abzurechnen. Die Bilanz ist seit Jahren die Gleiche und verändert sich doch ständig, je nach dem ob wir einen guten oder einen schlechten Tag haben. Warum sollten wir uns also die Mühe machen?

Ich könnte, werden Sie jetzt einwenden, wenn ich schon nicht über die Vergangenheit spreche, wenigstens über die Zukunft schreiben. Doch auch hier muss ich Ihnen die – zugegeben rhetorische – Frage nach dem Sinn stellen: Was bringt es, wenn die guten Vorsätze doch nie halten, warum soll ausgerechnet ein Tag, den die meisten Menschen im Vollrausch beenden, besonders geeignet für einen Neuanfang sein? Wir wachen ja doch wieder in den gleichen Kissen, die nach uns riechen, wieder auf, wir haben doch den gleichen Kater wie nach jeder guten oder schlechten Feier, warum sollten wir ausgerechnet da neu anfangen? Warum nicht heute, warum erst ab morgen das letzte Mal an jemand denken? Warum ab morgen mutiger sein? Warum nicht jetzt? Die heutige Nacht ist eine Nacht wie jede andere. Der Mond ist aufgegangen, der große Wagen leuchtet ungerührt, in dieser Nacht sterben genauso Menschen, wie in der letzten, in dieser Nacht plätschert der Bach genauso wie in der letzten, es gibt keinen guten Grund ausgerechnet jetzt über die Zukunft zu schreiben, denn der Bach und der Mond und der große Wagen werden auch in der nächsten Nacht noch da sein. Es wird morgen genauso schwer sein, wie heute und in drei Tagen, ein anderer Mensch zu werden und die Menschen sind auch in hundert Jahren noch genauso unberechenbar und schlecht und dennoch liebenswürdig wie heute. Und wenn ich nicht über einen Neuanfang schreibe, was soll ich dann über die Zukunft sagen? Das sie so beliebig ist, wie die Vergangenheit? Das wäre hiermit gesagt.

Was bleibt mir heute also anderes, als zu behaupten, ich wäre jetzt hier und es dabei zu belassen? Hallo Welt!