Archiv für die Kategorie ‘Uncategorized’

so ein Tag…

Februar 20, 2009

Mir brennt noch noch immer die Schamröte auf den Wangen.  Seit vier Stunden.  Ich bin geschlagen. Sie haben meinen Text in der Luft zerrissen: zu langweilig, zu langsam, zu unfokussiert, zu unverständlich, zu falsch, zu, zu, zu…

Ich will es nicht mehr hören, ich könnte noch, aber ich will nicht mehr. Es interessiert sie nicht. Sie reden nicht mehr davon, nur in meinem Kopf hallen sie nach. Sie haben Dinge gesagt, für die ich mich schäme , weil sie wahr sind. Diese Scham ist das Schlimmste: Das Gefühl, ihnen nicht unter die Augen treten zu können, zu schlecht, zu schwach, zu langweilig.

Ich will hier weg und trau mich nicht. Die Scham, die Niederlage, die Enttäuschung kleben mich an meinen Stuhl. Ich mache mir aufbauende Gedanken, lese etwas richtig Gutes. Dann gehe ich. Montag nehme ich mir meinen Text noch mal vor.

Die Menschen sind schlecht.

Juli 27, 2008

Eine Diskussion heute zwingt mich zu Überlegungen über mein Menschenbild. Wie sehe ich den Menschen, was macht ihn aus? Eine Frage, so unaufregend und alt wie die Feststellung, dass die Menschen zwar verschieden, aber in ihrer Funktionsweise doch gleich zu sein scheinen. Mir aber geht es nicht um das naturwissenschaftlich weitgehend durchdrungene, körperliche Funktionieren des Menschen – so einfach wollte ich es mir nicht machen – sondern um das soziale Funktionieren, um die Frage „Ist der Mensch gut oder schlecht?“

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Mensch schlecht ist, wobei man „schlecht“ auch gerne mit „fehler-“ oder „mangelhaft“ ersetzen mag. Allerdings hätte das den Nachteil, kein Urteil, sondern lediglich eine recht banale Feststellung zu sein. Es geht mir aber eben um die Feststellung, dass der Mensch nicht nur Fehler hat, sondern dass einige dieser Fehler moralisch verwerflich sind.  Insofern fälle ich ein moralisches Urteil über die Menschen: sie sind ganz einfach schlecht. Ich weiss sie mir nicht anders zu erklären, ihre Primitivität, ihre Fähigkeit, sich gegenseitig umzubringen, sich zu hassen, zu hintergehen, aber auch Neid zu empfinden und Eifersucht, Wut und Überlegenheit. All dies sind Dinge, die schlecht, verwerflich und vielleicht sogar böse sind. Wie soll ich da nicht urteilen über sie?

Wenn aber die Menschen alle schlecht sind, wenn das Schlecht- sein sie alle vereint, wenn alle Menschen – ich selbst muss mich hier zu meinem Entsetzen einschließen – vor allen anderen Dingen ihre Schlechtigkeit teilen, dann erübrigt sich das Urteil. Wenn der Richter sich des gleichen Vergehens schuldig macht, wie der Angeklagte, mit welcher Berechtigung fällt er dann ein Urteil? – Mit dem Recht, das ihm sein Amt verleiht und auf Basis der Gesetze, die sich die Gesellschaft, die ihn eingesetzt hat, selbst gegeben hat. Ich urteile vom Richterstuhl einer Ethik aus, die nicht ich allein, sondern ich und all die anderen die schlechten, fehlerhaften und verwerflichen Menschen sich selbst gegeben haben. EIngesetzt hat mich keiner, aber ich glaube, dass mich hierzu mein Status als Mensch hinreichend befähigt und angesichts der Tatsache, dass unser Glashaus ohnehin schon so zerschmissen ist, macht ein Stein mehr oder weniger auch keinen Unterschied mehr.

Man möchte manchmal meinen, dies sei nur die Krönung der menschlichen Grausamkeit, die wir in der Lage sind, uns gegenseitig anzutun: Nicht nur sind wir schlecht, sondern wir geben uns auch noch die Instrumente, dies zu erkennen und schämen uns nachher (zumindest manche) für diese Erkenntnis.

Es ist natürlich wahr, dass auch wenn die Menschen in ihrer Gesamtheit schlecht sind, es doch einzelne Menschen gibt, die aufrichtig versuchen, sich an die Regeln einer allgemeinen Ethik zu halten. Und ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass selbst die schlechtesten Menschen manchmal, oder in bestimmten Kontexten, gute Menschen sind.  Aber irgendwie reicht das eben nie. Irgendwie läuft es fast immer darauf hinaus, dass es ein paar „Gute“ gibt, die sich einer Überzahl von „Bösen“ gegenüber sehen.

Manch einer würde mir an dieser Stelle widersprechen und sagen, dass die Guten meist die Machtlosen sind, also in der Mehrzahl, die sich gegen eine kleine, aber mächtige Gruppe wehren müssen, dass das Böse in dieser Welt von den Mächtigen kommt.  Aber ich bin gegen diese Sozialromantik, die jeden Armen automatisch zu einem guten Menschen und jeden Reichen zu einem bösen Unterdrücker macht. Denn leider habe ich bei vielen Armen das Gefühl, dass sie, wenn sie nur könnten, sich genauso verhalten würden, wie die unmoralischen Mächtigen. Wenn sie könnten, würden auch sie Steuern hinterziehen, Anleger betrügen, Kriege vom Zaun brechen, die Umwelt verschmutzen, Löhne einbehalten und was sonst noch so im Werkzeugkasten der skrupellosen Mächtigen an Instrumenten zur Auswahl steht, nutzen. Und das auch nur um eine eigene Yacht, ein Haus, oder auch nur einen größeren Fernseher zu besitzen.

Ich will damit natürlich nicht sagen, dass die Mächtigen und Reichen dieser Welt keine schlechten Menschen sind, ganz im Gegenteil sie sind meist ausgemachte Schweinehunde, leider gilt das aber eben für die Mehrheit aller Menschen. Bei dem, was teilweise an Nachbarschaftskriegen allein in deutschen Vorstädten abgeht, bin ich ganz froh, dass die meisten Menschen sich keine Schlägerbanden leisten können.

Nein, gute Menschen gibt es nur sehr sehr wenige und selbst die sind nicht frei von gelegentlicher Charakterschwäche. Das reicht leider nicht aus, um die Menschen so ganz im Allgemeinen aus den moralischen Miesen zu holen. Sie bleiben schlecht.

Japan- Oertchen

April 22, 2008

Meine Leser moegen es mir verzeihen, dass ich diesen Artikel einem so unspektakulaeren und von manchen vielleicht auch als unappetitlich empfunden Thema, wie der Toilette widme, aber da man beim Besuch in einem fremden Land auch um den Besuch derselben nicht herumkommt und sie sich in Japan doch erheblich von den in Deutschland ueblichen Exemplaren unterscheidet, scheint es mir nicht unpassend, der japanischen Toilette einen Artikel zu widmen.

Sind die Vereinigten Staaten von Amerika das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten, so ist Japan das Land der fast unbegrenzten Loesungen. Das schlaegt sich auch in der Gestaltung des stillen Oertchens nieder, das in vielen Faellen allerdings als solches nicht bezeichnet werden sollte. So findet man in Japan gelegentlich das luxurioese Modell, welches zu bestaunen ich in einem Kaufhaus in Naehe des Kyotoer Bahnhofes die Ehre hatte. Auf die ganz normale Toilettenschuessel war ein Sitz (mit dem fuer die Benutzung desselben noetigen Loch) montiert und an eine Steckdose angeschlossen. Auf diesem recht volumonoesen Thron sitzend konnte der Benutzer durch eine in der Armlehne eingebaute Tastatur fuer maximale Gemuetlichkeit waehrend seiner Aufenthaltes sorgen. So war der Sitz beispielsweise heizbar, fuer gehemmte Gemueter liess sich Musik oder das Plaetschern von Wasser abspielen (mit selbstverstaendlich verstellbarer Lautstaerke), wer gar nicht konnte konnte seine Umwelt durch das abschliessende Abspielen des Geraeusches einer Wasserspuelung ueber die Natur seiner Sitzung in der schwarz gestrichenen Kabine taeuschen und wer gekonnt hatte, konnte durch das Verstaeuben eines Gegenduftes dies ebenfalls in Abrede stellen. 

Dies war zugegeben ein ueberraschend vollstaendig ausgestattetes Modell, man kann das ganze auch wesentlich spartanischer, naemlich nur beheizbar haben. Oder man trifft auf das aeusserst umweltfreundliche Modell aus unserer Herberge, in welchem ueber dem Spuelkasten ein Waschbecken installiert ist, dessen Abfluss in den Spuelkasten laeuft. Wenn man die Spuelung zieht, laueft aus dem Wasserhahn ueber dem Waschbecken das Wasser in den Spuelkasten nach und man kann sich mit eben diesem Wasser ausserdem noch die Haende waschen. Wobei die Japaner aus einem mir unerfindlichen Grund in kaum einer Toilette Seife zur Verfuegung stellen. 

Allerdings sind all dies die aus dem Westen uebernommenen Modelle, wirklich japanische Toiletten, wie man sie beispielsweise in Tempeln oft antrifft, waren fuer mich zunaechst eine etwas unangeheme Ueberraschung: Sie sind genau genommen ein Loch im Fussboden. Nichts da mit beheizbar und Musik dabei, einfach nur ein Loch oder eine einbetonierte Kloschuessel. A troestete mich: „Diese Toiletten sind wesentlich gesuender, bei regelmaessiger Benutzung sinkt das Risiko, einer Blinddarmentzuendung, einer Darmkrebserkrankung und einer Erkrankung an Morbus Kron.“ Dennoch frage ich mich manchmal, ob dieses Risiko nicht die stille Vertrautheit eines Oertchens wert ist? 

Japan I

April 9, 2008

Das Giebelbaerchen ist gerade in Japan. Ein Grund mehr zu bloggen. Ich hoffe, in den naechsten drei Wochen einige interessante und skurille Dinge aus dem Land der Samurai und der Karaokeboxen berichten zu koennen. Vorerst bin ich erst seit zwei Tagen hier und staune immer noch mit grossen Augen um mich herum. Wir sind in einem Ryokan, einem japanischen Gaestehaus untergekommen. Es liegt in einer der unzaehligen Seitengassen Kyotos und ist tatsaechlich so klein, wie es von aussen aussieht. Aber die Japaner verstehen sich darauf, Platz auszunutzen. A erklaerte mir ausserdem: in Ryokans geht es auch um das Miteinander der Reisenden.

Wohl um dieses Miteinander zu foerdern hat man in unserem Gaestehaus auf Schalldaempfung keinen Wert gelegt. Die Waende sind eigentlich nur ein Zeichen des guten Willens, eine symbolische Reverenz an die im Westen so geschaetzte Privatsphaere. Man hoert dennoch jedes Wort, das im Nebenraum gesprochen wird, jedes Rascheln einer Tuete und das lautstarke Abreisen chinesischer Reisegruppen um sechs Uhr morgens. 

Wenn man dann einmal schlaeft, liegt es sich auf den Futons eigentlich ganz gut, wenn sich auch der matratzenverwoehnte Europaeer an ein etwas haerteres Liegen gewoehnen muss. Die Futons werden abends auf dem mit Reisstrohmatten, den Tatamis, ausgelegten Fussboden ausgerollt, dazu eine Decke und ein Kopfkissen, fertig. Morgens rollt man, statt das Bett zu machen, einfach alles wieder zusammen. Auf diese Weise kann ein Zimmer auch sehr viel kleiner sein, als in Europa, ohne als beengend empfunden zu werden, das platzfressende Bett verschwindet tagsueber.

Ausserdem lebt man in Japan auf dem Fussboden. Das hat nicht nur zur Folge, dass jeder Raum groesser erscheint, sondern man benoetigt auch keine Stuehle. Japanische Raeume kommen mit erschreckend wenig Moebeln aus. Bei uns im Zimmer stehen eigentlich nur ein kleiner flacher Tisch und ein Fernseher, mehr ist nicht noetig.

Neben den Schlafgelegenheiten hat unser Ryokan auch noch einige weitere der kleinen japanischen Besonderheiten vorzuweisen, ueber die ich mich immer wieder freue. Zum Beispiel das Badezimmer: eigentlich besteht es aus zwei Raeumen. Der erste beinhaltet zunaechst ein Waschbecken, an welchem man tun kann, was normale Menschen an Waschbecken tun. Des Weiteren eine Stange ueber dem Waschbecken, an der man sein Handtuch aufhaengen kann und einen Korb, in welchem man angehalten ist, seine Klamotten zu lassen, sollte man vorhaben zu duschen. Die Dusche befindet sich im naechsten Raum. Japaner duschen fuer gewoehnlich im Sitzen. Dafuer gibt es eine praktische Plastikschuessel, die umgedreht als Sitzgelegenheit fungiert und einen Spiegel in entsprechender Hoehe, der es dem Sitzenden erlaubt, sich beim Reinigungsvollzug eingehend zu betrachten. direkt vor der Dusche liegt eine kleine, tiefe Wanne, die zum gelegentlichen Bad genutzt wird, was Sinn macht, denn Japaner duschen sehr gruendlich, bevor sie in die Wanne steigen. Ebenfalls bemerkenswert: die Pantoffeln, die in jeder Toilette stehen und die man unbedingt fuer den Toilettenbesuch, aber keinesfalls ausserhalb der Toilette anziehen darf. Man mag sich die zahlreichen kulturellen Missverstaendnisse, zu denen sie bereits gefuehrt haben muessen, gar nicht vorstellen.

Aber das Ryokan ist der ideale Ort, um sich schon einmal auf Japan und den Moloch Kyoto einzustimmen, bevor man morgens das Haus verlaesst. Denn hat man diese kleinen Basics erst einmal verstanden, beginnt man den Tag mit dem zuversichtlichen Gefuehl, dass die japanische Kultur zu verstehen, so schwer nicht sein kann. Davon, wie schnell dieser vollkommen unbegruendete Optimismus pragmatischer Resignation weicht, vielleicht ein andermal.

à la recherche d’un objet perdu

März 9, 2008

Die letzte Woche habe ich damit zugebracht, meine Uhr zu suchen. Im Uhrensuchen habe ich Übung, leider kann ich nicht behaupten besonders gut darin zu sein, meine ersten beiden Uhren habe ich nie wieder gesehen. Nachdem ich die Vorgängerin meiner jetzigen Uhr verloren hatte, habe ich etwa zwei Jahre ohne Uhr gelebt und dabei nie das Gefühl gehabt, dass mir etwas fehlte. Ich hatte erstens ein Handy und lernte zweitens den Luxus, nur annährend wissen zu müssen wieviel Uhr es ist, kennen. Doch nun hatte ich wieder eine Uhr. Seit Weihnachten um genau zu sein und dieses Mal wollte ich alles daran legen, sie nicht wieder zu verlieren.

Dabei hätte ich es besser wissen müssen. In meiner Familie gibt es einfach zu viele Geschichten über verlorene Schmuckstücke und Wertgegenstände. Mein Bruder beispielsweise hat in seinem Leben bestimmt drei schweizer Offiziersmesser beim Räuberhöhlenbau im Park verloren. Besonders übel nahm ich ihm, dass jedes Mal, nachdem er eines verloren hatte, er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit ein besseres geschenkt bekam, so dass das letzte, an das ich mich erinnern kann nicht nur ein Messer, eine Säge, eine Schere und so weiter hatte, sondern ausserdem einen Zahnstocher aus Plastik und eine Pinzette, die man oben aus dem roten Rahmen des Messers ziehen konnte.

Oder meine Schwester, die von ihrer Tante eine goldene Brosche in Form eines Reiters geschenkt bekam. Eines Tages war die Brosche nicht mehr aufzufinden und alles Suchen dieser Welt brachte sie nicht wieder zum Vorschein. Meine Großmutter hatte auch so ein Talent. So warf sie beispielsweise einmal eine ganze Garnitur alter silberner Löffel aus dem Familienschatz mitsamt den leeren Yoghurtbechern in denen sie standen in den Müll.

Mit meiner Uhr war ich hingegen sehr sorgfältig gewesen. Es gab nur zwei Orte, an denen ich sie ablegte: neben dem Waschbecken und auf dem Schreibtisch. Ich hielt mich für sehr gewissenhaft in dieser Frage, aber plötzlich war sie nicht mehr da. Ich begann mein Zimmer zu durchsuchen. Unter dem Bett zog ich die Schublade heraus, ich hob die Matratze hoch, räumte mein Regal aus und fand schließlich als Trostpreis eine Sicherheitsnadel. Schließlich ging ich dazu über zu fragen, ob jemand meine Uhr gesehen habe. Die Putzfrau dachte, ich habe sie im Verdacht, die Uhr gestohlen zu haben und der Fensterputzer schaute hilflos. Gesehen hatte sie keiner. Nachdem ich noch einmal mein Zimmer durchsucht hatte, bereitete ich mich schließlich darauf vor, den Verlust von Uhr Nr. 3 öffentlich machen zu müssen.

Ich hätte es besser wissen müssen. Gestern habe ich sie gefunden. Sie war von meinem Schreibtisch in einen Schuh gefallen. Der Schuh war danach unter den Tisch geschoben und eine Woche lang nicht getragen worden. Er war ausserdem auf die Seite gekippt, so dass man nur bei einem bestimmten Lichteinfall, auf dem Bett sitzend, die Schließe des Armbands glänzen sah.

„Gut Ding will Weile haben“ dachte ich und zog die Uhr aus ihrem Versteck. Selbst im Verlieren scheint meine Familie nicht besonders gründlich zu sein. Die Brosche meiner Schwester fand ich eines Tages beim gedankenverlorenen Bohren in den Tiefen einer Sofaritze. Sie hatte dort mehrere Jahre gelegen. Bis ich die beiden anderen Uhren wiederfinde, werden sie stehen geblieben sein.