Archiv für die Kategorie ‘die Welt und ich’

Japan II – Fahrraeder im Regen

April 13, 2008

Japaner scheinen eine gewisse Affinitaet zum Boden, zur Erde, zur ultimativen Sicherheit zu haben, das sagte ich schon. Nun habe ich aber auch ein neues Beispiel gefunden: die Fahrradfahrer. Im Prinzip tut ein Fahrradfahrer alles, um moeglichst wenig mit dem Boden in Beruehrung zu kommen. Je duenner die Reifen und je hoeher der Sattel, desto besser die Umsetzung der Muskelkraft des Fahrers in moeglichst lautloses Reifenrollen. Fahrraeder sind eigentlich dafuer gemacht, dass man die Fuesse vom Boden nimmt und sie nur dann auf die Strasse stellt, wenn man an einer Ampel halten muss.

Japanern scheint das Angst zu machen. Zwar sind sie durch ihren instinktsicheren Hang zum Praktischen schon vor langer Zeit darauf gekommen, dass Fahrraeder in einer weitgehend ebenen Stadt ein guenstiges und schnelles Verkehrsmittel sind, aber die Vorstellung, dabei den sicheren Boden verlassen zu muessen und sich zwei Kautschukreifen anzuvertrauen scheint ihnen zutiefst suspekt zu sein. Und so fahren sie zwar massenweise stabile Hollandfahrraeder, stellen aber den Sattel nie hoch genug, also so, dass man mit ausgestrecktem Bein auf dem Sattel sitzend das tief stehende Pedal noch erreicht, ein. (Was bei der Groesse der meisten Japaner nicht daran liegt, dass man man ihn nicht hoeher einstellen koennte.) “wie ein Affe auf dem Schleifstein“ dachte ich, als ich das das erste Mal sah. Das Absurde daran ist, dass das Fahrradfahren auf diese Weise erstens anstrengender und zweitens unsicherer wird. Und so schlenkern Japaner dann beim Fahrradfahren auch noch hin und her und aehneln dabei Erwachsenen, die das Fahrrad ihrer Kinder ausprobieren.

So ist es sicherlich vernuenftig, dass Fahrradfahrer hier die gleichen Wege wie Fussgaenger benutzen, was allerdings dazu fuehrt, dass sie auch wieder nicht wesentlich schneller sind als per pedes. Auf den Buergersteigen wird es so fuer die Fussgaenger ziemlich eng und gelegentlich auch gefaehrlich,  sie sich zwischen zwei sich entgegenkommenden, klingelnden Fahrradfahrern mit grossen transparenten Regenschirmen eingeklemmt sehen, und versuchen muessen, weder ueberfahren noch von einer Speiche aufgespiesst zu werden.

Vielleicht werden japanische Fahrradsaettel so niedrig eingestellt, damit man mit Regenschirm fahren kann. Mir selber ist es jedenfalls nie gelungen Fahrrad und Regenschirm gleichzeitig zu benutzen. Japaner koennen das und weil es in den letzten Tagen hier viel geregnet hat, sind wir dazu gekommen, diese Faehigkeit ausgiebig zu bewundern. Die ganz ausgebufften haengen dann auch noch ihre Einkaeufe an den gebogenen Griff ihres Regenschirms, so dass sie nicht nur den Schirm, sondern auch das schlenkernde Fahrrad und die hin und her baumelnden Tueten zwischen all den anderen Regenschirmen, Fussgaengern und Fahrradfahrern hindurchbalancieren muessen.

Der Regen fuehrt auch dazu, dass unsere Schuhe aufweichen. Zum Glueck habe ich im Flugzeug eine Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mitgenommen. Die wandert nun Stueck fuer Stueck in unsere nassen Schuhe um sie zu trocknen und ich lese mich im Rhythmus der Regentage durch Feuilleton, Politik, Wissenschaft und Beruf und Bildung. Noch reicht es fuer ein paar Regentage. Das Problem haben japanische Fahrradfahrer nicht. Selbst der kleine Abstand zwischen Pedal und Trottoir verhindert, dass ihre Schuhe unter dem Regenschirm nass werden.   

Japan I

April 9, 2008

Das Giebelbaerchen ist gerade in Japan. Ein Grund mehr zu bloggen. Ich hoffe, in den naechsten drei Wochen einige interessante und skurille Dinge aus dem Land der Samurai und der Karaokeboxen berichten zu koennen. Vorerst bin ich erst seit zwei Tagen hier und staune immer noch mit grossen Augen um mich herum. Wir sind in einem Ryokan, einem japanischen Gaestehaus untergekommen. Es liegt in einer der unzaehligen Seitengassen Kyotos und ist tatsaechlich so klein, wie es von aussen aussieht. Aber die Japaner verstehen sich darauf, Platz auszunutzen. A erklaerte mir ausserdem: in Ryokans geht es auch um das Miteinander der Reisenden.

Wohl um dieses Miteinander zu foerdern hat man in unserem Gaestehaus auf Schalldaempfung keinen Wert gelegt. Die Waende sind eigentlich nur ein Zeichen des guten Willens, eine symbolische Reverenz an die im Westen so geschaetzte Privatsphaere. Man hoert dennoch jedes Wort, das im Nebenraum gesprochen wird, jedes Rascheln einer Tuete und das lautstarke Abreisen chinesischer Reisegruppen um sechs Uhr morgens. 

Wenn man dann einmal schlaeft, liegt es sich auf den Futons eigentlich ganz gut, wenn sich auch der matratzenverwoehnte Europaeer an ein etwas haerteres Liegen gewoehnen muss. Die Futons werden abends auf dem mit Reisstrohmatten, den Tatamis, ausgelegten Fussboden ausgerollt, dazu eine Decke und ein Kopfkissen, fertig. Morgens rollt man, statt das Bett zu machen, einfach alles wieder zusammen. Auf diese Weise kann ein Zimmer auch sehr viel kleiner sein, als in Europa, ohne als beengend empfunden zu werden, das platzfressende Bett verschwindet tagsueber.

Ausserdem lebt man in Japan auf dem Fussboden. Das hat nicht nur zur Folge, dass jeder Raum groesser erscheint, sondern man benoetigt auch keine Stuehle. Japanische Raeume kommen mit erschreckend wenig Moebeln aus. Bei uns im Zimmer stehen eigentlich nur ein kleiner flacher Tisch und ein Fernseher, mehr ist nicht noetig.

Neben den Schlafgelegenheiten hat unser Ryokan auch noch einige weitere der kleinen japanischen Besonderheiten vorzuweisen, ueber die ich mich immer wieder freue. Zum Beispiel das Badezimmer: eigentlich besteht es aus zwei Raeumen. Der erste beinhaltet zunaechst ein Waschbecken, an welchem man tun kann, was normale Menschen an Waschbecken tun. Des Weiteren eine Stange ueber dem Waschbecken, an der man sein Handtuch aufhaengen kann und einen Korb, in welchem man angehalten ist, seine Klamotten zu lassen, sollte man vorhaben zu duschen. Die Dusche befindet sich im naechsten Raum. Japaner duschen fuer gewoehnlich im Sitzen. Dafuer gibt es eine praktische Plastikschuessel, die umgedreht als Sitzgelegenheit fungiert und einen Spiegel in entsprechender Hoehe, der es dem Sitzenden erlaubt, sich beim Reinigungsvollzug eingehend zu betrachten. direkt vor der Dusche liegt eine kleine, tiefe Wanne, die zum gelegentlichen Bad genutzt wird, was Sinn macht, denn Japaner duschen sehr gruendlich, bevor sie in die Wanne steigen. Ebenfalls bemerkenswert: die Pantoffeln, die in jeder Toilette stehen und die man unbedingt fuer den Toilettenbesuch, aber keinesfalls ausserhalb der Toilette anziehen darf. Man mag sich die zahlreichen kulturellen Missverstaendnisse, zu denen sie bereits gefuehrt haben muessen, gar nicht vorstellen.

Aber das Ryokan ist der ideale Ort, um sich schon einmal auf Japan und den Moloch Kyoto einzustimmen, bevor man morgens das Haus verlaesst. Denn hat man diese kleinen Basics erst einmal verstanden, beginnt man den Tag mit dem zuversichtlichen Gefuehl, dass die japanische Kultur zu verstehen, so schwer nicht sein kann. Davon, wie schnell dieser vollkommen unbegruendete Optimismus pragmatischer Resignation weicht, vielleicht ein andermal.

à la recherche d’un objet perdu

März 9, 2008

Die letzte Woche habe ich damit zugebracht, meine Uhr zu suchen. Im Uhrensuchen habe ich Übung, leider kann ich nicht behaupten besonders gut darin zu sein, meine ersten beiden Uhren habe ich nie wieder gesehen. Nachdem ich die Vorgängerin meiner jetzigen Uhr verloren hatte, habe ich etwa zwei Jahre ohne Uhr gelebt und dabei nie das Gefühl gehabt, dass mir etwas fehlte. Ich hatte erstens ein Handy und lernte zweitens den Luxus, nur annährend wissen zu müssen wieviel Uhr es ist, kennen. Doch nun hatte ich wieder eine Uhr. Seit Weihnachten um genau zu sein und dieses Mal wollte ich alles daran legen, sie nicht wieder zu verlieren.

Dabei hätte ich es besser wissen müssen. In meiner Familie gibt es einfach zu viele Geschichten über verlorene Schmuckstücke und Wertgegenstände. Mein Bruder beispielsweise hat in seinem Leben bestimmt drei schweizer Offiziersmesser beim Räuberhöhlenbau im Park verloren. Besonders übel nahm ich ihm, dass jedes Mal, nachdem er eines verloren hatte, er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit ein besseres geschenkt bekam, so dass das letzte, an das ich mich erinnern kann nicht nur ein Messer, eine Säge, eine Schere und so weiter hatte, sondern ausserdem einen Zahnstocher aus Plastik und eine Pinzette, die man oben aus dem roten Rahmen des Messers ziehen konnte.

Oder meine Schwester, die von ihrer Tante eine goldene Brosche in Form eines Reiters geschenkt bekam. Eines Tages war die Brosche nicht mehr aufzufinden und alles Suchen dieser Welt brachte sie nicht wieder zum Vorschein. Meine Großmutter hatte auch so ein Talent. So warf sie beispielsweise einmal eine ganze Garnitur alter silberner Löffel aus dem Familienschatz mitsamt den leeren Yoghurtbechern in denen sie standen in den Müll.

Mit meiner Uhr war ich hingegen sehr sorgfältig gewesen. Es gab nur zwei Orte, an denen ich sie ablegte: neben dem Waschbecken und auf dem Schreibtisch. Ich hielt mich für sehr gewissenhaft in dieser Frage, aber plötzlich war sie nicht mehr da. Ich begann mein Zimmer zu durchsuchen. Unter dem Bett zog ich die Schublade heraus, ich hob die Matratze hoch, räumte mein Regal aus und fand schließlich als Trostpreis eine Sicherheitsnadel. Schließlich ging ich dazu über zu fragen, ob jemand meine Uhr gesehen habe. Die Putzfrau dachte, ich habe sie im Verdacht, die Uhr gestohlen zu haben und der Fensterputzer schaute hilflos. Gesehen hatte sie keiner. Nachdem ich noch einmal mein Zimmer durchsucht hatte, bereitete ich mich schließlich darauf vor, den Verlust von Uhr Nr. 3 öffentlich machen zu müssen.

Ich hätte es besser wissen müssen. Gestern habe ich sie gefunden. Sie war von meinem Schreibtisch in einen Schuh gefallen. Der Schuh war danach unter den Tisch geschoben und eine Woche lang nicht getragen worden. Er war ausserdem auf die Seite gekippt, so dass man nur bei einem bestimmten Lichteinfall, auf dem Bett sitzend, die Schließe des Armbands glänzen sah.

„Gut Ding will Weile haben“ dachte ich und zog die Uhr aus ihrem Versteck. Selbst im Verlieren scheint meine Familie nicht besonders gründlich zu sein. Die Brosche meiner Schwester fand ich eines Tages beim gedankenverlorenen Bohren in den Tiefen einer Sofaritze. Sie hatte dort mehrere Jahre gelegen. Bis ich die beiden anderen Uhren wiederfinde, werden sie stehen geblieben sein.

Der Sommer ist da!

Februar 21, 2008

Seit dem Wochenende werde ich das Gefühl nicht los, dass es Zeit ist, an den Sommer zu denken. Unter meinem Fenster übten sich Vier im Kickboxen. Einer boxte, einer hielt seine gepolsterten Unterarme hin, einer schlich um sie herum und der vierte stand neben den Rucksäcken und hatte seine wattierte Jacke mit Kunstpelzbesatz an der Kapuze nicht zugemacht. Irgendwann tauschten sie auch mal die Rollen. Boxen, hinhalten, schleichen, rumstehen. Die Sonne malte ihre Schatten so scharf, als wäre es August.

Dieses Sonnenlicht, wenn es durch das Fenster auf meinen Schreibtisch fällt, wenn es Schatten schwärzt und Hauswände in grelles Licht taucht, dieses Licht ist Sommerlicht. Es erinnert mich an belaubte Bäume im satten Grün, an Wiesen auf denen gegrillt wird, an Frauen mit lackierten Fußnägeln, an Mädchen in Bikinitops und Jungs, die Bier über Steaks kippen. Es erinnert mich an die Wärme der Erde, wenn die Sonne fort ist, an nackte Füße auf Freibadrändern, an die Angst vor Wespenstichen und an Wespenstiche. Dieses Sommerlicht bringt mit sich den Geruch von viel zu altem Sonnenöl, von Regen, der auf warmen Asphalt fällt, von Heuernten und von kleinen, tiefroten Erdbeeren, die man nur selber pflücken kann und noch sonnenwarm isst.

Weil es noch immer Februar ist und sich selbst hier das Wetter an gewisse Mindeststandards hält (immerhin zahlt man hier seine Steuern oder auch nicht), war es zu all dem Sonnenschein leider ordentlich kalt. Doch das musste mich in meinem warmen Zimmer ja nicht stören. So gab ich mich lustvoll der optischen Täuschung hin und wähnte mich im Juli. Im Geist malte ich das Gras ein bisschen grüner, schenkte den Bäumen Blätter und legte eine graue Glocke aus schwülem Sommersmog über die Stadt. Dann dachte ich an Eiscrem, Straßencafés und Flipflops an gebräunten Füßen. Die Jogger schwitzten ein bisschen mehr und die Hundebesitzer trugen T-Shirts.

Diese Gedanken machten mich glücklich. So glücklich wie man an einem freien Tag im Sommer eben ist, wenn es warm ist und im Schwimmbad Handtuch an Handtuch liegt. Deshalb denke ich jetzt jeden Tag an den Sommer, auch wenn die Sonne nicht scheint. Denn was gibt es Schöneres, als sich von einer solchen Erinnerung durch eine graue Februarwoche begleiten zu lassen?

Pariser Sonntagsglück

Februar 5, 2008

Sonntagssonne. Auf der Nase. Auf dem Weg vor mir: ein Pärchen auf Inlineskates, ein Wettrennen. Wer gewinnt? Er, natürlich. Die Jungs mit dem Fußball. Ich erkenne C. am schwarzen Pullover, er hat den Arm gegen die Sonne erhoben und sieht mich nicht. Die Metro ist voller Ausflügler, Familien mit Kindern, schwarzhaarige Väter und ihre Söhne, ganze Liebespärchen und halbe auf dem Weg zur Vervollständigung irgendwo in dieser Stadt, vielleicht am Jardin du Luxembourg, vielleicht am Louvre, vielleicht am Brunnen von St. Michel.

Ich gehe zum Centre Pompidou, alleine. Die Sonne liebt diesen Platz, seine abschüssige Ebene ist Bühne und Tribüne zugleich. Auf der einen Seite üben sich drei Teenager im Tanzen. Ihr Ghettoblaster spuckt Techno. Auf der anderen Seite des Platzes durchbohrt ein Zauberer seinen Holzkasten mit rosa Schwertern und die Zuschauer halten Abstand. Der alte Trick mit dem Kasten und der Jungfrau (in diesem Falle ein Hund) funktioniert immer noch.

Das Erlebnis des Tages ist für mich die Fahrt auf der Rolltreppe in den vierten Stock des Museums. Wir gleiten außen an der Fassade entlang, in einer großen gläsernen Röhre. Die Konstrukteure des Centre waren gnädig, als sie diese Treppe bauten, denn sie schenkten den Kunstliebhabern und Touristen eine Entdeckung der besonderen Art. Ich notiere hastig:

Was man in Paris tun muss:

Mit der Rolltreppe mindestens in den vierten Stock des Centre Pompidou fahren. Unten auf dem Platz: der Zauberer; von oben hofft man, ein Stück seiner Magie zu durchschauen, aber man sieht nur, wie er immer kleiner wird. Die Tänzer zucken jetzt ohne Musik, schwingen die Arme und die Knie. Langsam hebt die Treppe mich auf die Höhe der Häuser am anderen Ende des Platzes. Und dann tauch sie auf: Schiebt sich langsam und massig über Schornsteine und Heizungsrohe, über Blechdächer, von Tauben besetzt: St. Eustache. Ihr massiger, kreuzförmiger Bau, der aus keiner Zeit zu stammen scheint, erhebt sich in stiller Majestät über alles Kurzlebige, das sie mühelos überschaut, all die Dinge, die entweder mit oder vor ihr untergehen werden. Sie weiß um ihre Größe und ihr entfernter Nachbar, in dessen glitzernden Glasrohren ich aufsteige um sie bewundern zu können, ist ihr keine Konkurrenz. Sie ist da und allein das stiehlt all dem Glas und all den Farben einfach die Schau.

Das Museum? voller Menschen, ein großes orangenes Nashorn aus glänzendem Kunststoff, erträgt es geduldig, Kindern ein erstes Kunsterlebnis zu sein. Ich flüchte mich auf die Rolltreppe und fahre bis in den sechsten Stock. Dass ich an einem Museum für moderne Kunst einmal besonders den Blick auf eine Kirche des 16. Jahrhunderts schätzen würde – für mich ein urbaner Glücksfall.

Warum ich das Internet mag

Januar 30, 2008

Eigentlich wollte ich heute was Politisches schreiben. Aber wie das bei allen politischen Themen nun einmal so ist, gelangt man bei der Recherche sehr schnell in die Untiefen des Internets. Es begann mit einem Namen, den ich nicht zuordnen konnte. Mein erstes und liebstes Suchinstrument ist in solchen Fällen immer Google. Das Schöne an Google ist ja, dass es so dumm ist. Das Programm stellt einfach alles, was in sein Suchraster passt, auf meinen Bildschirm. Das führt dann dazu, dass ich immer wieder auf Seiten stoße, deren Bizarrerie mich wahlweise vor Lachen unter dem Tisch verschwinden lässt, mir kalte Angsschauer den Rücken hinunterjagt, oder mich vollkommen fassungslos zurücklässt. Das ist es, was ich am Internet so mag. Nichts ist unmöglich.

Der gesuchte Name führte mich beispielsweise auf die Seite eines konservativen europäischen blogs, in dem sich ein Autor tatsächlich nicht zu schade war, Jean- Marie Le Pen, den Vorsitzenden des Front National, der französischen Version der NPD, als salonfähigen Kritiker zu zitieren. Das muss man erst mal bringen. Auch als Konservativer. Da das Internet noch weitgehend anonym ist, schaue ich mir solche Seiten, wenn ich auf sie treffe, meist auch an. Es interessiert mich, wie andere Menschen ticken, wie sie argumentieren. Leider sind Seiten, die sich als Gegenentwurf zu den von ihnen so genannten „etablierten Medien“ oder „Massenmedien“, verstehen, selten wirklich gut und intelligent. Meist überwiegen Polemik und schnelle, ideologisch gefärbte Urteile wirkliches Nachdenken und Analysen. Das gilt im Übrigen für Seiten von Rechts und von Links, von Öko und und von Autofahrer. Schlichtheit und Fanatismus haben nun einmal keine politische Heimat.

Aber auch dieses ist wieder einer der großen Vorteile des Internets. Sicher, man kann in den wenigsten Fällen von ausgewogenem Qualitätsjournalismus reden. Auch kann man sich fragen, ob die allgemeine Meinungskakophonie des Internets tatsächlich zu einer wirklichen Auseinandersetzung zwischen Menschen mit verschiedener politischer und ideologischer Heimat führt. Einiges spricht dagegen. Nicht zuletzt der Umstand, dass gerade in politischen Foren oft sehr stark moderiert wird und gelegentlich bereits auf der Startseite andersartige Meinungen sehr deutlich ausgeladen werden. Ich vermute dahinter zwei Gründe: erstens dienen viele Foren nicht dem kritischen Austausch, sondern einer ständigen Selbstspiegelung und Nabelschau von Gruppen, die sich auf diese Weise ihrer Existenz und ihrer Identität versichern. Das ist in den anonymen Weiten des Netzes wahrscheinlich eine nicht zu unterschätzende Motivation. Zweitens jedoch lässt der Umgangston von Forenteilnehmern Moderatoren keine Wahl, wenn ihr Forum nicht zum Schauplatz einer verbalen Schlammschlacht degenerieren soll. Woher dieser Umgangston kommt, darüber haben sich schon Klügere als ich den Kopf zerbrochen. Ich tippe auf gesenkte Hemmschwellen im Schutz der Anonymität eines Nicknames und eine allgemein mangelhalfte Diskussionskultur. Zwar kann es durchaus zu echten Debatten kommen, aber die haben Seltenheitswert.

Der wahre Schatz der unprofessionellen Meinungsvielfalt des Internets liegt meiner Meinung nach einerseits in einem sehr hohen Unterhaltungswert und andererseits – zumindest für Deutschland noch – in einer pratkisch uneingeschränkten Informationsfülle. Auch wenn viele Informationen schlecht aufbereitet sind und in ihrer Auswahl nicht selten den politischen und ideologischen Meinungen derjenigen, die sie ins Netz stellen entsprechen, erlauben sie es dem freien Bürger doch, sich unabhängig von großen Medien zu informieren, seinen eigenen Interessen nachzugehen und sich selbst zu bilden. Und das meine ich auch im Sinne von „sich-ein-Bild-machen“. Genau daran habe ich wie gesagt immer wieder großen Spaß. Staunend und schaudernd sitze ich dann vor meinem Rechner, lasse unzählige mögliche Welten an mir vorbeiziehen und lerne von Dingen, die ich ohne das Internet nie gefunden hätte und die nicht selten wesentlich interessanter sind, als was ich soeben recherchieren wollte.

Traumgeschichte

Januar 14, 2008

Als ich klein war, habe ich meine Träume für mich behalten. „Wenn es wahr werden soll, darf ich niemandem davon erzählen“, dachte ich. Ich glaubte fest an die Sterblichkeit von Träumen. Ohne genau zu wissen, was meine Träume töten würde, war ich mir sicher, dass keiner die Welt da draußen überleben würde. Denn erstens würde diese Welt meinen just geäußerten Traum beurteilen, ihn mit Prüfaugen auseinander nehmen. Würde ihn für realistisch oder unrealistisch befinden. Sie würde ihn auslachen, ihn hinterfragen. Ich fürchtete, mein Traum könnte auf dem Seziertisch durchsichtig werden, sich im grellen Licht auflösen und mich allein und lächerlich zurücklassen. Zweitens fürchtete ich mehr als alles andere, daß selbst wenn die Welt ihn nicht weiter beachten würde – und das war in meinem Leben eigentlich immer sehr wahrscheinlich – er mir gestohlen würde. Ich fürchtete mich davor, jemandem, der für das Erreichen meines Traumes talentierter und geeigneter war, meinen Traum zu erzählen, denn der würde meinen Traum einfach einstecken und selbst damit losziehen.

Das hätte ich wohl nicht fürchten müssen, es geschah auch ohne mein Zutun jeden Tag. Wollte ich Schriftsteller werden und mit 14 Jahren mein erstes Buch herausbringen, las ich bald darauf von jemandem, dem eben dies bereits gelungen war. Wollte ich als Held bei irgendeiner Katastrophe – mir hätte ein Autounfall mit Lackschaden schon gereicht – auftreten, las ich bald darauf von einer Zwölfjährigen, die bei dem ICE- Unglück in Enschede selber verletzt worden war und trotzdem noch erste Hilfe geleistet hatte. Dafür bekam sie dann – glaube ich – auch noch das Bundeverdienstkreuz. Diese Erfahrungen lehrten mich nicht etwa, dass es keinen Unterschied macht, ob man Träume nun erzählt oder nicht. Ich glaubte im Gegenteil meine wirklich wichtigen Träume noch besser schützen und verschweigen zu müssen, damit sie überhaupt eine Chance hatten gegen die Welt.

Irgendwann bemerkte ich in meiner Umgebung, dass diejenigen, die ihre Träume erzählten, diesen seltsamerweise näher waren als ich meinen gut behüteten Schätzen. Außerdem bemerkte ich, dass Menschen mir Vertrauen entgegenbrachten. Nicht nur, indem sie mir ihre Träume erzählten, in meinen Augen ein überaus großzügiger, fast schon leichtsinniger Umgang mit unschätzbaren Kostbarkeiten, sie machten mir meine Träume auch nicht kaputt. Sie nickten nur mit den Köpfen wie zu den größten und klügsten Selbstverständlichkeiten der Welt.

So lernte ich, dass die Welt der Gedanken kein Schutzraum für Träume ist, sondern ihr Gefängnis. Wenn ich einen Traum verwirklichen wollte, musste ich darüber reden. Meine Worte stellten den Traum auf die Beine, in den Raum. Er konnte sich nicht mehr verstecken, aber er durfte auch nicht so nackend nur als Traumgespinst stehen bleiben. Wenn er seinen Schöpfer nicht lächerlich machen sollte, musste es für die Welt einen Grund geben, den Traum, der zunächst nur Gespinst war, zu glauben. Also musste ich ans Werk. Ich musste denTraum beginnen. Selbst wenn meine Träume einmal nicht in Erfüllung gehen, wird am Ende der Abstand zwischen mir und ihnen kleiner geworden sein.