Eigentlich wollte ich heute was Politisches schreiben. Aber wie das bei allen politischen Themen nun einmal so ist, gelangt man bei der Recherche sehr schnell in die Untiefen des Internets. Es begann mit einem Namen, den ich nicht zuordnen konnte. Mein erstes und liebstes Suchinstrument ist in solchen Fällen immer Google. Das Schöne an Google ist ja, dass es so dumm ist. Das Programm stellt einfach alles, was in sein Suchraster passt, auf meinen Bildschirm. Das führt dann dazu, dass ich immer wieder auf Seiten stoße, deren Bizarrerie mich wahlweise vor Lachen unter dem Tisch verschwinden lässt, mir kalte Angsschauer den Rücken hinunterjagt, oder mich vollkommen fassungslos zurücklässt. Das ist es, was ich am Internet so mag. Nichts ist unmöglich.
Der gesuchte Name führte mich beispielsweise auf die Seite eines konservativen europäischen blogs, in dem sich ein Autor tatsächlich nicht zu schade war, Jean- Marie Le Pen, den Vorsitzenden des Front National, der französischen Version der NPD, als salonfähigen Kritiker zu zitieren. Das muss man erst mal bringen. Auch als Konservativer. Da das Internet noch weitgehend anonym ist, schaue ich mir solche Seiten, wenn ich auf sie treffe, meist auch an. Es interessiert mich, wie andere Menschen ticken, wie sie argumentieren. Leider sind Seiten, die sich als Gegenentwurf zu den von ihnen so genannten „etablierten Medien“ oder „Massenmedien“, verstehen, selten wirklich gut und intelligent. Meist überwiegen Polemik und schnelle, ideologisch gefärbte Urteile wirkliches Nachdenken und Analysen. Das gilt im Übrigen für Seiten von Rechts und von Links, von Öko und und von Autofahrer. Schlichtheit und Fanatismus haben nun einmal keine politische Heimat.
Aber auch dieses ist wieder einer der großen Vorteile des Internets. Sicher, man kann in den wenigsten Fällen von ausgewogenem Qualitätsjournalismus reden. Auch kann man sich fragen, ob die allgemeine Meinungskakophonie des Internets tatsächlich zu einer wirklichen Auseinandersetzung zwischen Menschen mit verschiedener politischer und ideologischer Heimat führt. Einiges spricht dagegen. Nicht zuletzt der Umstand, dass gerade in politischen Foren oft sehr stark moderiert wird und gelegentlich bereits auf der Startseite andersartige Meinungen sehr deutlich ausgeladen werden. Ich vermute dahinter zwei Gründe: erstens dienen viele Foren nicht dem kritischen Austausch, sondern einer ständigen Selbstspiegelung und Nabelschau von Gruppen, die sich auf diese Weise ihrer Existenz und ihrer Identität versichern. Das ist in den anonymen Weiten des Netzes wahrscheinlich eine nicht zu unterschätzende Motivation. Zweitens jedoch lässt der Umgangston von Forenteilnehmern Moderatoren keine Wahl, wenn ihr Forum nicht zum Schauplatz einer verbalen Schlammschlacht degenerieren soll. Woher dieser Umgangston kommt, darüber haben sich schon Klügere als ich den Kopf zerbrochen. Ich tippe auf gesenkte Hemmschwellen im Schutz der Anonymität eines Nicknames und eine allgemein mangelhalfte Diskussionskultur. Zwar kann es durchaus zu echten Debatten kommen, aber die haben Seltenheitswert.
Der wahre Schatz der unprofessionellen Meinungsvielfalt des Internets liegt meiner Meinung nach einerseits in einem sehr hohen Unterhaltungswert und andererseits – zumindest für Deutschland noch – in einer pratkisch uneingeschränkten Informationsfülle. Auch wenn viele Informationen schlecht aufbereitet sind und in ihrer Auswahl nicht selten den politischen und ideologischen Meinungen derjenigen, die sie ins Netz stellen entsprechen, erlauben sie es dem freien Bürger doch, sich unabhängig von großen Medien zu informieren, seinen eigenen Interessen nachzugehen und sich selbst zu bilden. Und das meine ich auch im Sinne von „sich-ein-Bild-machen“. Genau daran habe ich wie gesagt immer wieder großen Spaß. Staunend und schaudernd sitze ich dann vor meinem Rechner, lasse unzählige mögliche Welten an mir vorbeiziehen und lerne von Dingen, die ich ohne das Internet nie gefunden hätte und die nicht selten wesentlich interessanter sind, als was ich soeben recherchieren wollte.