Japaner scheinen eine gewisse Affinitaet zum Boden, zur Erde, zur ultimativen Sicherheit zu haben, das sagte ich schon. Nun habe ich aber auch ein neues Beispiel gefunden: die Fahrradfahrer. Im Prinzip tut ein Fahrradfahrer alles, um moeglichst wenig mit dem Boden in Beruehrung zu kommen. Je duenner die Reifen und je hoeher der Sattel, desto besser die Umsetzung der Muskelkraft des Fahrers in moeglichst lautloses Reifenrollen. Fahrraeder sind eigentlich dafuer gemacht, dass man die Fuesse vom Boden nimmt und sie nur dann auf die Strasse stellt, wenn man an einer Ampel halten muss.
Japanern scheint das Angst zu machen. Zwar sind sie durch ihren instinktsicheren Hang zum Praktischen schon vor langer Zeit darauf gekommen, dass Fahrraeder in einer weitgehend ebenen Stadt ein guenstiges und schnelles Verkehrsmittel sind, aber die Vorstellung, dabei den sicheren Boden verlassen zu muessen und sich zwei Kautschukreifen anzuvertrauen scheint ihnen zutiefst suspekt zu sein. Und so fahren sie zwar massenweise stabile Hollandfahrraeder, stellen aber den Sattel nie hoch genug, also so, dass man mit ausgestrecktem Bein auf dem Sattel sitzend das tief stehende Pedal noch erreicht, ein. (Was bei der Groesse der meisten Japaner nicht daran liegt, dass man man ihn nicht hoeher einstellen koennte.) “wie ein Affe auf dem Schleifstein“ dachte ich, als ich das das erste Mal sah. Das Absurde daran ist, dass das Fahrradfahren auf diese Weise erstens anstrengender und zweitens unsicherer wird. Und so schlenkern Japaner dann beim Fahrradfahren auch noch hin und her und aehneln dabei Erwachsenen, die das Fahrrad ihrer Kinder ausprobieren.
So ist es sicherlich vernuenftig, dass Fahrradfahrer hier die gleichen Wege wie Fussgaenger benutzen, was allerdings dazu fuehrt, dass sie auch wieder nicht wesentlich schneller sind als per pedes. Auf den Buergersteigen wird es so fuer die Fussgaenger ziemlich eng und gelegentlich auch gefaehrlich, sie sich zwischen zwei sich entgegenkommenden, klingelnden Fahrradfahrern mit grossen transparenten Regenschirmen eingeklemmt sehen, und versuchen muessen, weder ueberfahren noch von einer Speiche aufgespiesst zu werden.
Vielleicht werden japanische Fahrradsaettel so niedrig eingestellt, damit man mit Regenschirm fahren kann. Mir selber ist es jedenfalls nie gelungen Fahrrad und Regenschirm gleichzeitig zu benutzen. Japaner koennen das und weil es in den letzten Tagen hier viel geregnet hat, sind wir dazu gekommen, diese Faehigkeit ausgiebig zu bewundern. Die ganz ausgebufften haengen dann auch noch ihre Einkaeufe an den gebogenen Griff ihres Regenschirms, so dass sie nicht nur den Schirm, sondern auch das schlenkernde Fahrrad und die hin und her baumelnden Tueten zwischen all den anderen Regenschirmen, Fussgaengern und Fahrradfahrern hindurchbalancieren muessen.
Der Regen fuehrt auch dazu, dass unsere Schuhe aufweichen. Zum Glueck habe ich im Flugzeug eine Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mitgenommen. Die wandert nun Stueck fuer Stueck in unsere nassen Schuhe um sie zu trocknen und ich lese mich im Rhythmus der Regentage durch Feuilleton, Politik, Wissenschaft und Beruf und Bildung. Noch reicht es fuer ein paar Regentage. Das Problem haben japanische Fahrradfahrer nicht. Selbst der kleine Abstand zwischen Pedal und Trottoir verhindert, dass ihre Schuhe unter dem Regenschirm nass werden.