Archiv für April 2008

Japan- Oertchen

April 22, 2008

Meine Leser moegen es mir verzeihen, dass ich diesen Artikel einem so unspektakulaeren und von manchen vielleicht auch als unappetitlich empfunden Thema, wie der Toilette widme, aber da man beim Besuch in einem fremden Land auch um den Besuch derselben nicht herumkommt und sie sich in Japan doch erheblich von den in Deutschland ueblichen Exemplaren unterscheidet, scheint es mir nicht unpassend, der japanischen Toilette einen Artikel zu widmen.

Sind die Vereinigten Staaten von Amerika das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten, so ist Japan das Land der fast unbegrenzten Loesungen. Das schlaegt sich auch in der Gestaltung des stillen Oertchens nieder, das in vielen Faellen allerdings als solches nicht bezeichnet werden sollte. So findet man in Japan gelegentlich das luxurioese Modell, welches zu bestaunen ich in einem Kaufhaus in Naehe des Kyotoer Bahnhofes die Ehre hatte. Auf die ganz normale Toilettenschuessel war ein Sitz (mit dem fuer die Benutzung desselben noetigen Loch) montiert und an eine Steckdose angeschlossen. Auf diesem recht volumonoesen Thron sitzend konnte der Benutzer durch eine in der Armlehne eingebaute Tastatur fuer maximale Gemuetlichkeit waehrend seiner Aufenthaltes sorgen. So war der Sitz beispielsweise heizbar, fuer gehemmte Gemueter liess sich Musik oder das Plaetschern von Wasser abspielen (mit selbstverstaendlich verstellbarer Lautstaerke), wer gar nicht konnte konnte seine Umwelt durch das abschliessende Abspielen des Geraeusches einer Wasserspuelung ueber die Natur seiner Sitzung in der schwarz gestrichenen Kabine taeuschen und wer gekonnt hatte, konnte durch das Verstaeuben eines Gegenduftes dies ebenfalls in Abrede stellen. 

Dies war zugegeben ein ueberraschend vollstaendig ausgestattetes Modell, man kann das ganze auch wesentlich spartanischer, naemlich nur beheizbar haben. Oder man trifft auf das aeusserst umweltfreundliche Modell aus unserer Herberge, in welchem ueber dem Spuelkasten ein Waschbecken installiert ist, dessen Abfluss in den Spuelkasten laeuft. Wenn man die Spuelung zieht, laueft aus dem Wasserhahn ueber dem Waschbecken das Wasser in den Spuelkasten nach und man kann sich mit eben diesem Wasser ausserdem noch die Haende waschen. Wobei die Japaner aus einem mir unerfindlichen Grund in kaum einer Toilette Seife zur Verfuegung stellen. 

Allerdings sind all dies die aus dem Westen uebernommenen Modelle, wirklich japanische Toiletten, wie man sie beispielsweise in Tempeln oft antrifft, waren fuer mich zunaechst eine etwas unangeheme Ueberraschung: Sie sind genau genommen ein Loch im Fussboden. Nichts da mit beheizbar und Musik dabei, einfach nur ein Loch oder eine einbetonierte Kloschuessel. A troestete mich: „Diese Toiletten sind wesentlich gesuender, bei regelmaessiger Benutzung sinkt das Risiko, einer Blinddarmentzuendung, einer Darmkrebserkrankung und einer Erkrankung an Morbus Kron.“ Dennoch frage ich mich manchmal, ob dieses Risiko nicht die stille Vertrautheit eines Oertchens wert ist? 

Japan II – Fahrraeder im Regen

April 13, 2008

Japaner scheinen eine gewisse Affinitaet zum Boden, zur Erde, zur ultimativen Sicherheit zu haben, das sagte ich schon. Nun habe ich aber auch ein neues Beispiel gefunden: die Fahrradfahrer. Im Prinzip tut ein Fahrradfahrer alles, um moeglichst wenig mit dem Boden in Beruehrung zu kommen. Je duenner die Reifen und je hoeher der Sattel, desto besser die Umsetzung der Muskelkraft des Fahrers in moeglichst lautloses Reifenrollen. Fahrraeder sind eigentlich dafuer gemacht, dass man die Fuesse vom Boden nimmt und sie nur dann auf die Strasse stellt, wenn man an einer Ampel halten muss.

Japanern scheint das Angst zu machen. Zwar sind sie durch ihren instinktsicheren Hang zum Praktischen schon vor langer Zeit darauf gekommen, dass Fahrraeder in einer weitgehend ebenen Stadt ein guenstiges und schnelles Verkehrsmittel sind, aber die Vorstellung, dabei den sicheren Boden verlassen zu muessen und sich zwei Kautschukreifen anzuvertrauen scheint ihnen zutiefst suspekt zu sein. Und so fahren sie zwar massenweise stabile Hollandfahrraeder, stellen aber den Sattel nie hoch genug, also so, dass man mit ausgestrecktem Bein auf dem Sattel sitzend das tief stehende Pedal noch erreicht, ein. (Was bei der Groesse der meisten Japaner nicht daran liegt, dass man man ihn nicht hoeher einstellen koennte.) “wie ein Affe auf dem Schleifstein“ dachte ich, als ich das das erste Mal sah. Das Absurde daran ist, dass das Fahrradfahren auf diese Weise erstens anstrengender und zweitens unsicherer wird. Und so schlenkern Japaner dann beim Fahrradfahren auch noch hin und her und aehneln dabei Erwachsenen, die das Fahrrad ihrer Kinder ausprobieren.

So ist es sicherlich vernuenftig, dass Fahrradfahrer hier die gleichen Wege wie Fussgaenger benutzen, was allerdings dazu fuehrt, dass sie auch wieder nicht wesentlich schneller sind als per pedes. Auf den Buergersteigen wird es so fuer die Fussgaenger ziemlich eng und gelegentlich auch gefaehrlich,  sie sich zwischen zwei sich entgegenkommenden, klingelnden Fahrradfahrern mit grossen transparenten Regenschirmen eingeklemmt sehen, und versuchen muessen, weder ueberfahren noch von einer Speiche aufgespiesst zu werden.

Vielleicht werden japanische Fahrradsaettel so niedrig eingestellt, damit man mit Regenschirm fahren kann. Mir selber ist es jedenfalls nie gelungen Fahrrad und Regenschirm gleichzeitig zu benutzen. Japaner koennen das und weil es in den letzten Tagen hier viel geregnet hat, sind wir dazu gekommen, diese Faehigkeit ausgiebig zu bewundern. Die ganz ausgebufften haengen dann auch noch ihre Einkaeufe an den gebogenen Griff ihres Regenschirms, so dass sie nicht nur den Schirm, sondern auch das schlenkernde Fahrrad und die hin und her baumelnden Tueten zwischen all den anderen Regenschirmen, Fussgaengern und Fahrradfahrern hindurchbalancieren muessen.

Der Regen fuehrt auch dazu, dass unsere Schuhe aufweichen. Zum Glueck habe ich im Flugzeug eine Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mitgenommen. Die wandert nun Stueck fuer Stueck in unsere nassen Schuhe um sie zu trocknen und ich lese mich im Rhythmus der Regentage durch Feuilleton, Politik, Wissenschaft und Beruf und Bildung. Noch reicht es fuer ein paar Regentage. Das Problem haben japanische Fahrradfahrer nicht. Selbst der kleine Abstand zwischen Pedal und Trottoir verhindert, dass ihre Schuhe unter dem Regenschirm nass werden.   

Japan I

April 9, 2008

Das Giebelbaerchen ist gerade in Japan. Ein Grund mehr zu bloggen. Ich hoffe, in den naechsten drei Wochen einige interessante und skurille Dinge aus dem Land der Samurai und der Karaokeboxen berichten zu koennen. Vorerst bin ich erst seit zwei Tagen hier und staune immer noch mit grossen Augen um mich herum. Wir sind in einem Ryokan, einem japanischen Gaestehaus untergekommen. Es liegt in einer der unzaehligen Seitengassen Kyotos und ist tatsaechlich so klein, wie es von aussen aussieht. Aber die Japaner verstehen sich darauf, Platz auszunutzen. A erklaerte mir ausserdem: in Ryokans geht es auch um das Miteinander der Reisenden.

Wohl um dieses Miteinander zu foerdern hat man in unserem Gaestehaus auf Schalldaempfung keinen Wert gelegt. Die Waende sind eigentlich nur ein Zeichen des guten Willens, eine symbolische Reverenz an die im Westen so geschaetzte Privatsphaere. Man hoert dennoch jedes Wort, das im Nebenraum gesprochen wird, jedes Rascheln einer Tuete und das lautstarke Abreisen chinesischer Reisegruppen um sechs Uhr morgens. 

Wenn man dann einmal schlaeft, liegt es sich auf den Futons eigentlich ganz gut, wenn sich auch der matratzenverwoehnte Europaeer an ein etwas haerteres Liegen gewoehnen muss. Die Futons werden abends auf dem mit Reisstrohmatten, den Tatamis, ausgelegten Fussboden ausgerollt, dazu eine Decke und ein Kopfkissen, fertig. Morgens rollt man, statt das Bett zu machen, einfach alles wieder zusammen. Auf diese Weise kann ein Zimmer auch sehr viel kleiner sein, als in Europa, ohne als beengend empfunden zu werden, das platzfressende Bett verschwindet tagsueber.

Ausserdem lebt man in Japan auf dem Fussboden. Das hat nicht nur zur Folge, dass jeder Raum groesser erscheint, sondern man benoetigt auch keine Stuehle. Japanische Raeume kommen mit erschreckend wenig Moebeln aus. Bei uns im Zimmer stehen eigentlich nur ein kleiner flacher Tisch und ein Fernseher, mehr ist nicht noetig.

Neben den Schlafgelegenheiten hat unser Ryokan auch noch einige weitere der kleinen japanischen Besonderheiten vorzuweisen, ueber die ich mich immer wieder freue. Zum Beispiel das Badezimmer: eigentlich besteht es aus zwei Raeumen. Der erste beinhaltet zunaechst ein Waschbecken, an welchem man tun kann, was normale Menschen an Waschbecken tun. Des Weiteren eine Stange ueber dem Waschbecken, an der man sein Handtuch aufhaengen kann und einen Korb, in welchem man angehalten ist, seine Klamotten zu lassen, sollte man vorhaben zu duschen. Die Dusche befindet sich im naechsten Raum. Japaner duschen fuer gewoehnlich im Sitzen. Dafuer gibt es eine praktische Plastikschuessel, die umgedreht als Sitzgelegenheit fungiert und einen Spiegel in entsprechender Hoehe, der es dem Sitzenden erlaubt, sich beim Reinigungsvollzug eingehend zu betrachten. direkt vor der Dusche liegt eine kleine, tiefe Wanne, die zum gelegentlichen Bad genutzt wird, was Sinn macht, denn Japaner duschen sehr gruendlich, bevor sie in die Wanne steigen. Ebenfalls bemerkenswert: die Pantoffeln, die in jeder Toilette stehen und die man unbedingt fuer den Toilettenbesuch, aber keinesfalls ausserhalb der Toilette anziehen darf. Man mag sich die zahlreichen kulturellen Missverstaendnisse, zu denen sie bereits gefuehrt haben muessen, gar nicht vorstellen.

Aber das Ryokan ist der ideale Ort, um sich schon einmal auf Japan und den Moloch Kyoto einzustimmen, bevor man morgens das Haus verlaesst. Denn hat man diese kleinen Basics erst einmal verstanden, beginnt man den Tag mit dem zuversichtlichen Gefuehl, dass die japanische Kultur zu verstehen, so schwer nicht sein kann. Davon, wie schnell dieser vollkommen unbegruendete Optimismus pragmatischer Resignation weicht, vielleicht ein andermal.