Pariser Sonntagsglück

By giebelbaerchen

Sonntagssonne. Auf der Nase. Auf dem Weg vor mir: ein Pärchen auf Inlineskates, ein Wettrennen. Wer gewinnt? Er, natürlich. Die Jungs mit dem Fußball. Ich erkenne C. am schwarzen Pullover, er hat den Arm gegen die Sonne erhoben und sieht mich nicht. Die Metro ist voller Ausflügler, Familien mit Kindern, schwarzhaarige Väter und ihre Söhne, ganze Liebespärchen und halbe auf dem Weg zur Vervollständigung irgendwo in dieser Stadt, vielleicht am Jardin du Luxembourg, vielleicht am Louvre, vielleicht am Brunnen von St. Michel.

Ich gehe zum Centre Pompidou, alleine. Die Sonne liebt diesen Platz, seine abschüssige Ebene ist Bühne und Tribüne zugleich. Auf der einen Seite üben sich drei Teenager im Tanzen. Ihr Ghettoblaster spuckt Techno. Auf der anderen Seite des Platzes durchbohrt ein Zauberer seinen Holzkasten mit rosa Schwertern und die Zuschauer halten Abstand. Der alte Trick mit dem Kasten und der Jungfrau (in diesem Falle ein Hund) funktioniert immer noch.

Das Erlebnis des Tages ist für mich die Fahrt auf der Rolltreppe in den vierten Stock des Museums. Wir gleiten außen an der Fassade entlang, in einer großen gläsernen Röhre. Die Konstrukteure des Centre waren gnädig, als sie diese Treppe bauten, denn sie schenkten den Kunstliebhabern und Touristen eine Entdeckung der besonderen Art. Ich notiere hastig:

Was man in Paris tun muss:

Mit der Rolltreppe mindestens in den vierten Stock des Centre Pompidou fahren. Unten auf dem Platz: der Zauberer; von oben hofft man, ein Stück seiner Magie zu durchschauen, aber man sieht nur, wie er immer kleiner wird. Die Tänzer zucken jetzt ohne Musik, schwingen die Arme und die Knie. Langsam hebt die Treppe mich auf die Höhe der Häuser am anderen Ende des Platzes. Und dann tauch sie auf: Schiebt sich langsam und massig über Schornsteine und Heizungsrohe, über Blechdächer, von Tauben besetzt: St. Eustache. Ihr massiger, kreuzförmiger Bau, der aus keiner Zeit zu stammen scheint, erhebt sich in stiller Majestät über alles Kurzlebige, das sie mühelos überschaut, all die Dinge, die entweder mit oder vor ihr untergehen werden. Sie weiß um ihre Größe und ihr entfernter Nachbar, in dessen glitzernden Glasrohren ich aufsteige um sie bewundern zu können, ist ihr keine Konkurrenz. Sie ist da und allein das stiehlt all dem Glas und all den Farben einfach die Schau.

Das Museum? voller Menschen, ein großes orangenes Nashorn aus glänzendem Kunststoff, erträgt es geduldig, Kindern ein erstes Kunsterlebnis zu sein. Ich flüchte mich auf die Rolltreppe und fahre bis in den sechsten Stock. Dass ich an einem Museum für moderne Kunst einmal besonders den Blick auf eine Kirche des 16. Jahrhunderts schätzen würde – für mich ein urbaner Glücksfall.

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