Archiv für Februar 2008

Der Sommer ist da!

Februar 21, 2008

Seit dem Wochenende werde ich das Gefühl nicht los, dass es Zeit ist, an den Sommer zu denken. Unter meinem Fenster übten sich Vier im Kickboxen. Einer boxte, einer hielt seine gepolsterten Unterarme hin, einer schlich um sie herum und der vierte stand neben den Rucksäcken und hatte seine wattierte Jacke mit Kunstpelzbesatz an der Kapuze nicht zugemacht. Irgendwann tauschten sie auch mal die Rollen. Boxen, hinhalten, schleichen, rumstehen. Die Sonne malte ihre Schatten so scharf, als wäre es August.

Dieses Sonnenlicht, wenn es durch das Fenster auf meinen Schreibtisch fällt, wenn es Schatten schwärzt und Hauswände in grelles Licht taucht, dieses Licht ist Sommerlicht. Es erinnert mich an belaubte Bäume im satten Grün, an Wiesen auf denen gegrillt wird, an Frauen mit lackierten Fußnägeln, an Mädchen in Bikinitops und Jungs, die Bier über Steaks kippen. Es erinnert mich an die Wärme der Erde, wenn die Sonne fort ist, an nackte Füße auf Freibadrändern, an die Angst vor Wespenstichen und an Wespenstiche. Dieses Sommerlicht bringt mit sich den Geruch von viel zu altem Sonnenöl, von Regen, der auf warmen Asphalt fällt, von Heuernten und von kleinen, tiefroten Erdbeeren, die man nur selber pflücken kann und noch sonnenwarm isst.

Weil es noch immer Februar ist und sich selbst hier das Wetter an gewisse Mindeststandards hält (immerhin zahlt man hier seine Steuern oder auch nicht), war es zu all dem Sonnenschein leider ordentlich kalt. Doch das musste mich in meinem warmen Zimmer ja nicht stören. So gab ich mich lustvoll der optischen Täuschung hin und wähnte mich im Juli. Im Geist malte ich das Gras ein bisschen grüner, schenkte den Bäumen Blätter und legte eine graue Glocke aus schwülem Sommersmog über die Stadt. Dann dachte ich an Eiscrem, Straßencafés und Flipflops an gebräunten Füßen. Die Jogger schwitzten ein bisschen mehr und die Hundebesitzer trugen T-Shirts.

Diese Gedanken machten mich glücklich. So glücklich wie man an einem freien Tag im Sommer eben ist, wenn es warm ist und im Schwimmbad Handtuch an Handtuch liegt. Deshalb denke ich jetzt jeden Tag an den Sommer, auch wenn die Sonne nicht scheint. Denn was gibt es Schöneres, als sich von einer solchen Erinnerung durch eine graue Februarwoche begleiten zu lassen?

Pariser Sonntagsglück

Februar 5, 2008

Sonntagssonne. Auf der Nase. Auf dem Weg vor mir: ein Pärchen auf Inlineskates, ein Wettrennen. Wer gewinnt? Er, natürlich. Die Jungs mit dem Fußball. Ich erkenne C. am schwarzen Pullover, er hat den Arm gegen die Sonne erhoben und sieht mich nicht. Die Metro ist voller Ausflügler, Familien mit Kindern, schwarzhaarige Väter und ihre Söhne, ganze Liebespärchen und halbe auf dem Weg zur Vervollständigung irgendwo in dieser Stadt, vielleicht am Jardin du Luxembourg, vielleicht am Louvre, vielleicht am Brunnen von St. Michel.

Ich gehe zum Centre Pompidou, alleine. Die Sonne liebt diesen Platz, seine abschüssige Ebene ist Bühne und Tribüne zugleich. Auf der einen Seite üben sich drei Teenager im Tanzen. Ihr Ghettoblaster spuckt Techno. Auf der anderen Seite des Platzes durchbohrt ein Zauberer seinen Holzkasten mit rosa Schwertern und die Zuschauer halten Abstand. Der alte Trick mit dem Kasten und der Jungfrau (in diesem Falle ein Hund) funktioniert immer noch.

Das Erlebnis des Tages ist für mich die Fahrt auf der Rolltreppe in den vierten Stock des Museums. Wir gleiten außen an der Fassade entlang, in einer großen gläsernen Röhre. Die Konstrukteure des Centre waren gnädig, als sie diese Treppe bauten, denn sie schenkten den Kunstliebhabern und Touristen eine Entdeckung der besonderen Art. Ich notiere hastig:

Was man in Paris tun muss:

Mit der Rolltreppe mindestens in den vierten Stock des Centre Pompidou fahren. Unten auf dem Platz: der Zauberer; von oben hofft man, ein Stück seiner Magie zu durchschauen, aber man sieht nur, wie er immer kleiner wird. Die Tänzer zucken jetzt ohne Musik, schwingen die Arme und die Knie. Langsam hebt die Treppe mich auf die Höhe der Häuser am anderen Ende des Platzes. Und dann tauch sie auf: Schiebt sich langsam und massig über Schornsteine und Heizungsrohe, über Blechdächer, von Tauben besetzt: St. Eustache. Ihr massiger, kreuzförmiger Bau, der aus keiner Zeit zu stammen scheint, erhebt sich in stiller Majestät über alles Kurzlebige, das sie mühelos überschaut, all die Dinge, die entweder mit oder vor ihr untergehen werden. Sie weiß um ihre Größe und ihr entfernter Nachbar, in dessen glitzernden Glasrohren ich aufsteige um sie bewundern zu können, ist ihr keine Konkurrenz. Sie ist da und allein das stiehlt all dem Glas und all den Farben einfach die Schau.

Das Museum? voller Menschen, ein großes orangenes Nashorn aus glänzendem Kunststoff, erträgt es geduldig, Kindern ein erstes Kunsterlebnis zu sein. Ich flüchte mich auf die Rolltreppe und fahre bis in den sechsten Stock. Dass ich an einem Museum für moderne Kunst einmal besonders den Blick auf eine Kirche des 16. Jahrhunderts schätzen würde – für mich ein urbaner Glücksfall.