Als ich klein war, habe ich meine Träume für mich behalten. „Wenn es wahr werden soll, darf ich niemandem davon erzählen“, dachte ich. Ich glaubte fest an die Sterblichkeit von Träumen. Ohne genau zu wissen, was meine Träume töten würde, war ich mir sicher, dass keiner die Welt da draußen überleben würde. Denn erstens würde diese Welt meinen just geäußerten Traum beurteilen, ihn mit Prüfaugen auseinander nehmen. Würde ihn für realistisch oder unrealistisch befinden. Sie würde ihn auslachen, ihn hinterfragen. Ich fürchtete, mein Traum könnte auf dem Seziertisch durchsichtig werden, sich im grellen Licht auflösen und mich allein und lächerlich zurücklassen. Zweitens fürchtete ich mehr als alles andere, daß selbst wenn die Welt ihn nicht weiter beachten würde – und das war in meinem Leben eigentlich immer sehr wahrscheinlich – er mir gestohlen würde. Ich fürchtete mich davor, jemandem, der für das Erreichen meines Traumes talentierter und geeigneter war, meinen Traum zu erzählen, denn der würde meinen Traum einfach einstecken und selbst damit losziehen.
Das hätte ich wohl nicht fürchten müssen, es geschah auch ohne mein Zutun jeden Tag. Wollte ich Schriftsteller werden und mit 14 Jahren mein erstes Buch herausbringen, las ich bald darauf von jemandem, dem eben dies bereits gelungen war. Wollte ich als Held bei irgendeiner Katastrophe – mir hätte ein Autounfall mit Lackschaden schon gereicht – auftreten, las ich bald darauf von einer Zwölfjährigen, die bei dem ICE- Unglück in Enschede selber verletzt worden war und trotzdem noch erste Hilfe geleistet hatte. Dafür bekam sie dann – glaube ich – auch noch das Bundeverdienstkreuz. Diese Erfahrungen lehrten mich nicht etwa, dass es keinen Unterschied macht, ob man Träume nun erzählt oder nicht. Ich glaubte im Gegenteil meine wirklich wichtigen Träume noch besser schützen und verschweigen zu müssen, damit sie überhaupt eine Chance hatten gegen die Welt.
Irgendwann bemerkte ich in meiner Umgebung, dass diejenigen, die ihre Träume erzählten, diesen seltsamerweise näher waren als ich meinen gut behüteten Schätzen. Außerdem bemerkte ich, dass Menschen mir Vertrauen entgegenbrachten. Nicht nur, indem sie mir ihre Träume erzählten, in meinen Augen ein überaus großzügiger, fast schon leichtsinniger Umgang mit unschätzbaren Kostbarkeiten, sie machten mir meine Träume auch nicht kaputt. Sie nickten nur mit den Köpfen wie zu den größten und klügsten Selbstverständlichkeiten der Welt.
So lernte ich, dass die Welt der Gedanken kein Schutzraum für Träume ist, sondern ihr Gefängnis. Wenn ich einen Traum verwirklichen wollte, musste ich darüber reden. Meine Worte stellten den Traum auf die Beine, in den Raum. Er konnte sich nicht mehr verstecken, aber er durfte auch nicht so nackend nur als Traumgespinst stehen bleiben. Wenn er seinen Schöpfer nicht lächerlich machen sollte, musste es für die Welt einen Grund geben, den Traum, der zunächst nur Gespinst war, zu glauben. Also musste ich ans Werk. Ich musste denTraum beginnen. Selbst wenn meine Träume einmal nicht in Erfüllung gehen, wird am Ende der Abstand zwischen mir und ihnen kleiner geworden sein.