Archiv für Januar 2008

Warum ich das Internet mag

Januar 30, 2008

Eigentlich wollte ich heute was Politisches schreiben. Aber wie das bei allen politischen Themen nun einmal so ist, gelangt man bei der Recherche sehr schnell in die Untiefen des Internets. Es begann mit einem Namen, den ich nicht zuordnen konnte. Mein erstes und liebstes Suchinstrument ist in solchen Fällen immer Google. Das Schöne an Google ist ja, dass es so dumm ist. Das Programm stellt einfach alles, was in sein Suchraster passt, auf meinen Bildschirm. Das führt dann dazu, dass ich immer wieder auf Seiten stoße, deren Bizarrerie mich wahlweise vor Lachen unter dem Tisch verschwinden lässt, mir kalte Angsschauer den Rücken hinunterjagt, oder mich vollkommen fassungslos zurücklässt. Das ist es, was ich am Internet so mag. Nichts ist unmöglich.

Der gesuchte Name führte mich beispielsweise auf die Seite eines konservativen europäischen blogs, in dem sich ein Autor tatsächlich nicht zu schade war, Jean- Marie Le Pen, den Vorsitzenden des Front National, der französischen Version der NPD, als salonfähigen Kritiker zu zitieren. Das muss man erst mal bringen. Auch als Konservativer. Da das Internet noch weitgehend anonym ist, schaue ich mir solche Seiten, wenn ich auf sie treffe, meist auch an. Es interessiert mich, wie andere Menschen ticken, wie sie argumentieren. Leider sind Seiten, die sich als Gegenentwurf zu den von ihnen so genannten „etablierten Medien“ oder „Massenmedien“, verstehen, selten wirklich gut und intelligent. Meist überwiegen Polemik und schnelle, ideologisch gefärbte Urteile wirkliches Nachdenken und Analysen. Das gilt im Übrigen für Seiten von Rechts und von Links, von Öko und und von Autofahrer. Schlichtheit und Fanatismus haben nun einmal keine politische Heimat.

Aber auch dieses ist wieder einer der großen Vorteile des Internets. Sicher, man kann in den wenigsten Fällen von ausgewogenem Qualitätsjournalismus reden. Auch kann man sich fragen, ob die allgemeine Meinungskakophonie des Internets tatsächlich zu einer wirklichen Auseinandersetzung zwischen Menschen mit verschiedener politischer und ideologischer Heimat führt. Einiges spricht dagegen. Nicht zuletzt der Umstand, dass gerade in politischen Foren oft sehr stark moderiert wird und gelegentlich bereits auf der Startseite andersartige Meinungen sehr deutlich ausgeladen werden. Ich vermute dahinter zwei Gründe: erstens dienen viele Foren nicht dem kritischen Austausch, sondern einer ständigen Selbstspiegelung und Nabelschau von Gruppen, die sich auf diese Weise ihrer Existenz und ihrer Identität versichern. Das ist in den anonymen Weiten des Netzes wahrscheinlich eine nicht zu unterschätzende Motivation. Zweitens jedoch lässt der Umgangston von Forenteilnehmern Moderatoren keine Wahl, wenn ihr Forum nicht zum Schauplatz einer verbalen Schlammschlacht degenerieren soll. Woher dieser Umgangston kommt, darüber haben sich schon Klügere als ich den Kopf zerbrochen. Ich tippe auf gesenkte Hemmschwellen im Schutz der Anonymität eines Nicknames und eine allgemein mangelhalfte Diskussionskultur. Zwar kann es durchaus zu echten Debatten kommen, aber die haben Seltenheitswert.

Der wahre Schatz der unprofessionellen Meinungsvielfalt des Internets liegt meiner Meinung nach einerseits in einem sehr hohen Unterhaltungswert und andererseits – zumindest für Deutschland noch – in einer pratkisch uneingeschränkten Informationsfülle. Auch wenn viele Informationen schlecht aufbereitet sind und in ihrer Auswahl nicht selten den politischen und ideologischen Meinungen derjenigen, die sie ins Netz stellen entsprechen, erlauben sie es dem freien Bürger doch, sich unabhängig von großen Medien zu informieren, seinen eigenen Interessen nachzugehen und sich selbst zu bilden. Und das meine ich auch im Sinne von „sich-ein-Bild-machen“. Genau daran habe ich wie gesagt immer wieder großen Spaß. Staunend und schaudernd sitze ich dann vor meinem Rechner, lasse unzählige mögliche Welten an mir vorbeiziehen und lerne von Dingen, die ich ohne das Internet nie gefunden hätte und die nicht selten wesentlich interessanter sind, als was ich soeben recherchieren wollte.

Traumgeschichte

Januar 14, 2008

Als ich klein war, habe ich meine Träume für mich behalten. „Wenn es wahr werden soll, darf ich niemandem davon erzählen“, dachte ich. Ich glaubte fest an die Sterblichkeit von Träumen. Ohne genau zu wissen, was meine Träume töten würde, war ich mir sicher, dass keiner die Welt da draußen überleben würde. Denn erstens würde diese Welt meinen just geäußerten Traum beurteilen, ihn mit Prüfaugen auseinander nehmen. Würde ihn für realistisch oder unrealistisch befinden. Sie würde ihn auslachen, ihn hinterfragen. Ich fürchtete, mein Traum könnte auf dem Seziertisch durchsichtig werden, sich im grellen Licht auflösen und mich allein und lächerlich zurücklassen. Zweitens fürchtete ich mehr als alles andere, daß selbst wenn die Welt ihn nicht weiter beachten würde – und das war in meinem Leben eigentlich immer sehr wahrscheinlich – er mir gestohlen würde. Ich fürchtete mich davor, jemandem, der für das Erreichen meines Traumes talentierter und geeigneter war, meinen Traum zu erzählen, denn der würde meinen Traum einfach einstecken und selbst damit losziehen.

Das hätte ich wohl nicht fürchten müssen, es geschah auch ohne mein Zutun jeden Tag. Wollte ich Schriftsteller werden und mit 14 Jahren mein erstes Buch herausbringen, las ich bald darauf von jemandem, dem eben dies bereits gelungen war. Wollte ich als Held bei irgendeiner Katastrophe – mir hätte ein Autounfall mit Lackschaden schon gereicht – auftreten, las ich bald darauf von einer Zwölfjährigen, die bei dem ICE- Unglück in Enschede selber verletzt worden war und trotzdem noch erste Hilfe geleistet hatte. Dafür bekam sie dann – glaube ich – auch noch das Bundeverdienstkreuz. Diese Erfahrungen lehrten mich nicht etwa, dass es keinen Unterschied macht, ob man Träume nun erzählt oder nicht. Ich glaubte im Gegenteil meine wirklich wichtigen Träume noch besser schützen und verschweigen zu müssen, damit sie überhaupt eine Chance hatten gegen die Welt.

Irgendwann bemerkte ich in meiner Umgebung, dass diejenigen, die ihre Träume erzählten, diesen seltsamerweise näher waren als ich meinen gut behüteten Schätzen. Außerdem bemerkte ich, dass Menschen mir Vertrauen entgegenbrachten. Nicht nur, indem sie mir ihre Träume erzählten, in meinen Augen ein überaus großzügiger, fast schon leichtsinniger Umgang mit unschätzbaren Kostbarkeiten, sie machten mir meine Träume auch nicht kaputt. Sie nickten nur mit den Köpfen wie zu den größten und klügsten Selbstverständlichkeiten der Welt.

So lernte ich, dass die Welt der Gedanken kein Schutzraum für Träume ist, sondern ihr Gefängnis. Wenn ich einen Traum verwirklichen wollte, musste ich darüber reden. Meine Worte stellten den Traum auf die Beine, in den Raum. Er konnte sich nicht mehr verstecken, aber er durfte auch nicht so nackend nur als Traumgespinst stehen bleiben. Wenn er seinen Schöpfer nicht lächerlich machen sollte, musste es für die Welt einen Grund geben, den Traum, der zunächst nur Gespinst war, zu glauben. Also musste ich ans Werk. Ich musste denTraum beginnen. Selbst wenn meine Träume einmal nicht in Erfüllung gehen, wird am Ende der Abstand zwischen mir und ihnen kleiner geworden sein.

Beckstein und die Sicherheit

Januar 8, 2008

manchmal will man keine Zeitung mehr aufschlagen, keine Internetseite mehr aufrufen und keinen Fernseher einschalten. Als hätte man nicht genug eigene Probleme, liefert der Informationsapparat soviel Frustpotenzial, dass selbst dem größten Optimisten irgendwann die Decke auf den Kopf fällt. Ich bin kein großer Optimist, mir reicht es eigentlich jetzt schon. Zumindest, nachdem ich die letzten Absätze dieses Artikels gelesen habe:

Beckstein erinnert noch an seinen einstigen Konterpart, den früheren Bundesinnenminister Otto Schily: „Man merkt, Schily ist weg und die SPD wird zur alten Partei, die nichts mehr von Innerer Sicherheit versteht.“ Und schiebt gleich noch eine neue Forderung hinterher: Online-Durchsuchungen müssten schnell eingeführt und auch im Kampf gegen Kinderpornographie eingesetzt werden. Parallel fordern die CSU-Abgeordneten die Einführung dieses Instruments nicht nur für das Bundeskriminalamt, sondern auch für den Verfassungsschutz.

In dem Artikel geht es eigentlich um den Versuch der CSU, Roland Koch das Thema innere Sicherheit wieder abzujagen. (Was ja an sich schon putzig ist.) Der oben zitierte Absatz zeigt nur ein Randthema, mit dem Kurt Beckstein versucht, dem Sicherheitsprofil seiner Partei mehr Konturen zu verleihen.

Frustrierend daran ist, dass er schon wieder nach weiteren Kompetenzen für Polizei und Verfassungsschutz schreit. Da sind die umstrittenen Online-Durchsuchungen noch nicht einmal beschlossen und schon soll die Polizei sie nicht nur zu Fahndung nach Terroristen, sondern auch nach Konsumenten von Kinderpornos einsetzen dürfen. Und weil man schon einmal dabei ist, fordern CSU Abgeordnete auch gleich noch gleiche Kompetenzen für den Verfassungsschutz. Was der jetzt genau mit Online-Durchsuchungen soll, sagen sie zwar nicht, aber da wird sich sicherlich eine Verwendung finden.

Es ist der altbekannte gierige Griff nach der ganzen Hand. Wenn es nach Beckstein und Kollegen geht, hört das nie auf. Ich nenne es Kontrollgier, mit Sicherheit hat das nichts zu tun. Das sieht Herr Beckstein ganz anders. Denn für ihn muss Sicherheit ständig gesichert werden. Und weil in unserer heutigen Welt niemand mehr sicher ist und alle potenzielle Terroristen, Kinderpornographen, Raubkopierer, Linksaktivisten und Schwarzfahrer sind, werden wir nun alle gesichert. Damit wir auch ja nichts anstellen mit all den bürgerlichen Freiheiten, die durch die Sicherheitsmaßnahmen gesichert werden.

Ich frage mich manchmal wovor die eigentlich alle Angst haben, diese Sicherheitskontrollfreaks. Die gehören doch nicht zu denjenigen, die in U-Bahnen verprügelt werden. Die werden auch nicht mit Kofferbomben auf Bahnhöfen fast in die Luft gejagt, denn sie fahren BMW und nicht Interregio. Eigentlich sind das genau die Menschen, von denen man eigentlich sollte erwarten können, dass dieser Abstand des Nicht-Betroffen-Seins sie zu einer realistischen Einschätzung der Probleme unseres Landes führt. Aber anscheinend werden wir von hysterischen, gierigen Feiglingen regiert.

Schade.