Neue Zahlen vom Levada Institut. Diesmal machen sie mich regelrecht betroffen. Denn das Land, das ich noch vor sechs Jahren kennengelernt habe, gibt es so nicht mehr. Als ich in St. Petersburg lebte, musste ich zuerst das Einkaufen lernen. Für jemanden, der die Sprache noch nicht wirklich konnte, eine echte Herausforderung. Obst und Gemüse, Nudeln, Honig, Fleisch, Käse und Eier besorgte ich immer auf einem kleinen Markt ganz in der Nähe meiner Wohnung. Tiefgefrorene Pelmeni, Tomaten in der Dose oder Saft bekam ich im 24-Stunden Laden an der Ecke, Brot in einer Bäckerei, Kekse, Kosmetika und Zeitschriften kaufte man am Besten in einem der zahlreichen Kioske in und an der Metro. Überall musste man da reden: ein Kilo Kartoffeln, bitte. Haben Sie noch Graubrot? Bitte geben Sie mir einen Liter Apfelsaft, nein, von dem da hinten bitte. Ich brauche Streichhölzer, bekomme ich die bei Ihnen?
Ich fand es erst unangenehm, später großartig. Die Qualität der Produkte war meistens ziemlich gut, die Händler freundlich, ich lernte schnell und zahlte wenig. Und lange Zeit dachte ich, so kauft man eben in Rußland ein. Doch in den letzten Jahren muss sich das besonders in den großen Städten dramatisch gewandelt haben. Die Meinungsforscher vom Levada Institut haben Menschen in den fünf größten Städten Rußlands nach ihren Einkaufsgewohnheiten gefragt: Während im Dezember 2000 noch 69 % der Befragten angaben, im letzten Monat mindestens einmal auf einem Markt, oder bei einem fliegenden Händler gekauft zu haben, waren es im November 2009 nur noch 40%. Das finde ich dramatisch. Denn die Märkte und fliegenden Händler sind in russischen Städten wirklich sehr weit verbreitet.
Aber es sieht so aus, als bekämen sie eine ziemlich starke Konkurrenz von Supermärkten und Hypermärkten. Der Unterschied: Supermärkte verkaufen fast nur Lebensmittel, in Hypermärkten bekommt man alles. Vom Toaster über die Unterwäsche bis zum Vollkornkeks. Mittlerweile geben 76% der Befragten an, im letzten Monat in einem Supermarkt eingekauft zu haben, vor neun Jahren waren es noch 28%. Bei den Hypermärkten stieg der Anteil von 11 auf 61%. Und nicht nur dort kauft man in Russland neuerdings an. Auch Tankstellen mit angeschlossenem Mini-Markt werden immer beliebter. 33% aller Befragten haben im letzten Monat in einem solchen Markt eingekauft, das ist ein Anstieg von 30%.
Ich glaube, dass das für das Lebensgefühl in den russischen Städten eine ganze Menge bedeutet. Wenn die Leute weniger auf den normalen Märkten einkaufen, ändern sich die Stadtbilder und das Verhalten. Die Menschen sind weniger auf der Suche nach einem Schnäppchen, das sie auf dem Heimweg mitnehmen können, für Kioske und kleine Geschäfte wird es schwieriger.
Interessant ist hierbei auch, wer die großen Spieler im russischen Einzelhandel sind. Ganz vorne dabei: die französische Kette Auchan und die deutsche Metro-Gruppe mit ihren Marken Metro und Real, sowie Rewe mit der Marke Billa. Die drei größten Einzelhändler weltweit, WalMart, Tescos und Carrefour halten sich aus dem Russland-Geschäft raus. Das überrascht mich ein bisschen. Schließlich ist Tescos ganz groß in den tschechischen und slovakischen Markt eingestiegen. Aber vielleicht gibt es da eine Art Marktaufteilung in Osteuropa, da bin ich noch nicht ganz durchgestiegen.
Neben den internationalen Anbietern gibt es auf dem russischen Markt auch eine ganze Reihe russischer Supermarkt-Ketten, wie Pyaterechka, Kopeika und Lenta. Bis auf den letzten haben die sich auf kleine, innerstädtische Supermärkte spezialisiert. Ich kenne eine ganze Menge Russen, die davon begeistert sind: endlich können sie selbst in die Regale greifen, endlich schaut kein Verkäufer sie mehr komisch an, wenn sie fünf Liter Apfelsaft, drei Flaschen billigen Kognak und eine Schachtel Pralinen kaufen. Keine Blicke, keine Kontrolle, keine Schlange. Ich werde sie vermissen.